Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Frage nach dem Sinn des Judentums
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 274 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Abraham Schlesinger: gewiß nicht beabsichtigt waren. Angenommen nämlich, das Judentum sei derart radikal umwandelbar, daß nicht nur das nationale Moment vollkommen ausgeschaltet, sondern sogar das des Stammestums als durchaus nebensächlich so gut wie ignoriert werden könnte, dann müßte die jüdische Gemeinschaft konsequenterweise zu einem allgemeinen, eben auf den Ideen des ethischen Monotheismus und Messianismus beruhenden, ethisch-religiösen Weltbund ausgebaut werden. Jedes Individuum, welches die doch längst allgemein zugänglich gewordenen Ideen des Einen Gottes und der Einen Menschheit anerkennt und für sie eintritt, hätte als Volljude im Sinne des religiösen Missionsjudentums zu gelten und wäre zum Anschluß an jenen Weltbund aufzufordern, der 'umso mehr würde wirken können, je größer und mächtiger er würde. Vielleicht gibt es heute sehr zahlreiche freidenkende Menschen nichtjüdischer Abstammung, die überzeugter^ und tatkräftigere Vertreter des ethischen Monotheismus sind als viele geborene Juden. Weshalb soll das Judentum, wie es unsere Theorie versteht, auf die geborenen, d. h. Stammesjuden, beschränkt bleiben, mit welchem Rechte darf diese Theorie, der ja das Stammes tum ganz unerheblich ist, die jüdische Stammesbesonderheit dennoch als Grundlage der jüdischen Gemeinschaft beibehalten und z. B. die Mischehe verwerfen? So erscheint denn in der Tat die rücksichtslose Umwandlung der jüdischen Gemeinschaft in einen von allem Nationalen und Stammestümlichen vollständig befreiten Weltverband, der, einzig auf der Grundlage des ethischen Monotheismus und Messianismus aufgebaut, alle so gesinnten Menschen vereinigt, als die wahre und notwendige Konsequenz der vorliegenden Theorie. Sie und ihre Sinngebung des Judentums führt, richtig zu Ende gedacht, zur Verneinung und Auflösung des Judentums und der Judenheit in jeder ihrer bisherigen Existenzformen. Erklärt man aber: die Stammesgrundlage der jüdischen Gemeinschaft und deren geschichtliche Kontinuität überhaupt ist um deswillen aufrecht zu erhalten, weil gerade diese geschichtliche jüdische Gemeinschaft zu einer Art Kerntruppe des reinen Monotheismus sich entwickelt hat, die durch fremden Zustrom in ihrer Wirkungskraft nur geschwächt würde, so räumt man damit dem Moment des Stammestums und sogar dem der geschichtlichen Nationalität eine derart neue Bedeutung ein, daß die ganze Theorie zerstört und von Grund auf verändert ist. Es erhebt sich aber gegen die sinngebende Bestimmung des Judentums als Wirkungswert überhaupt, gleichgültig in welcher Form sie geschehen mag und abgesehen von den bereits erörterten Einwendungen gegen die behandelten Hauptrichtungen dieser Auffassung, ein allgemeines, prinzipielles Bedenken. Der Sinn des, seinem Wesen nach wie immer begriffenen, Judentums wird hier darin gefunden, daß durch dessen volle und unmittelbare Einstellung in das Leben der verschiedenen Völker der menschliche Kulturfortschritt eine besonders wirksame Förderung erfahre. Wie haben wir uns eigentlich die Sache zu denken? Nach meiner Meiniing gibt es, wie schon der „unhistorische" Mendelssohn erkannte, ke^ne K