Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Frage nach dem Sinn des Judentums
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 273 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Frage nach dem Sinn des Judentums 273 voll um der allgemeinen Menschheitskultur willen, der es den Gott der Sittlichkeit zu übermitteln hat2). — Man sieht leicht: das religiöse Missionsjudentum weist die gleiche sinnverleihende Aufgabe, die das ethische Stammesjudentum einer besonderen Stammeseigenart unter Ignorierung des religiösen Momentes zuerkennt, umgekehrt einer religiösen Ideologie zu, unter Ignorierung des Momentes des Stammestums. Kann auf diesem Wege das Ziel, die wirksame Förderung des sittlichen Kulturfortschritts der Menschheit, sicherer erreicht werden? Doch wohl nur unter der Voraussetzung, daß die Judenheit selbst tatsächlich tief durchdrungen wäre von den großen Grundideen der jüdischen Religion und sich hingebend in vorbildlicher Eigenbetätigung für ihre Verbreitung und allgemeine Anerkennung einsetzte. Allein gerade bei der modernen West judenheit, um die es der Theorie hauptsächlich geht, ist dem nicht so. Wir finden sie vielmehr zu großen Teilen so in die herrschende europäisch-„heidnische" Weltanschauung und Lebensführung verstrickt, daß sie nicht ohne weiteres als Lehrmeisterin der Völker erscheinen kann. Gerade dort, wo die Theorie des religiösen Missionsjudentums die stärksten Sympathien genießt, pflegt man sich in Wirklichkeit nicht übermäßig mit den Ideen des ethischen Monotheismus, Messianismus usw. zu beschäftigen; gerade in jenen Kreisen herrscht häufig so viel Unkenntnis des Judentums und so viel Gleichgültigkeit, daß von diesem Judentum allein — wenn man von unbewußten Einflüssen des „Blutes" absieht, die trotz angeblicher Irrelevanz gelegentlich doch merkbar werden — keinerlei lebensbestimmende Wirkung nach innen und gar nach außen auszugehen vermag. Das besagt aber, daß praktisch das religiöse Missionsjudentum außerstande ist, von sich alus die Verwirklichung des erstrebten Ziels wesentlich zu fördern. Wollte man dagegen den Einwand erheben: die wenigen echten Träger der jüdischen Religion müssen die vielen Mitläufer erst erziehen, die Masse der Juden muß erst für den hohen Sinn, für die erhabene Aufgabe des Judentums gewonnen werden, so verfiele man einem inneren Widerspruch. Der Kern der Theorie liegt ja darin, daß die Judenheit die Völker im Geiste der ethischen Religiosität des Judentums gewissermaßen erziehen soll. Wenn sie jedoch zu großen Teilen selbst noch nicht reif für ihre eigenen Ideen und deren Verwirklichung ist, wie kann sie dann andere dazu erziehen und bekehren oder sich ein solches Recht anmaßen? Noch eine weitere Frage entsteht. Wurde beim ethischen Stammesjudentum bezweifelt, ob die jüdische Stammesbesonderheit bei sonstiger Vollassimilation auf die Dauer zu erhalten wäre, so fragen wir jetzt, ob wohl die jüdische Gemeinschaft bei völliger Vernachlässigung und Ignorierung des Stammesmoments zu erhalten wäre. Macht man mit der ganz einseitig idealistischen Fundierung der Theorie des religiösen Missionsjudentums wirklich Ernst, so gelangt man notwendig zu Folgerungen, die *) Vgl. Hermann Cohens Rede auf der 2. Tagung des „Verbandes der deutschen Juden" zu Frankfurt a/M, 1907. Heft 5. 18