Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Frage nach dem Sinn des Judentums
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 272 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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272 Abraham Schlesinger: Stammeseigenschaften, sondern schon die Erhaltungsmöglichkeit des jüdischen Stammes selbst zu bezweifeln. Es mag Einzelausnahmen geben, aber im allgemeinen wird die jüdische Jugend, auf <<die es als Zukunftsträgerin ankommt, schwerlich willens sein, die verschiedenerlei Unannehmlichkeiten und Leiden, die nun einmal das Judesein gemeinhin im Gefolge hat, und gar die oft schweren Opfer auf sich zu nehmen, die, wie z. B. die Vermeidung der Mischehe, zur Erhaltung und Reinerhaltung des jüdischen Stammes erforderlich sind. Die Theorie des ethischen Stammes Judentums reicht unmöglich aus, um soviel Hingebung, Begeisterung, Opfermut, Tatkraft zu erzeugen und auf die Dauer bestehen zu lassen. Die meisten werden sich schließlich — und zwar mit einigem Recht — sagen: um gute Menschen und nützliche Staatsbürger zu sein, brauchen wir nicht eben Juden zu bleiben. Die wertvollen Anlagen und Eigenschaften, die hohe Geistigkeit wie die ethische Wesenstendenz des jüdischen Stammes in Ehren. Aber eigentlich ist das alles doch anderwärts auch zu finden und zudem schon so tief in die europäische Kultur eingedrungen, daß es nicht mehr unbedingt der Juden und der Fortdauer des jüdischen Stammes bedarf, nur um die Entwicklung der Völker Europas im Sinne eines solchen Judentums weiter zu beeinflussen. Nach derlei Erwägungen scheint mir die Bejahung des Judentums als eines reinen. Stammestums im unmittelbaren Dienste des sittlichen Kulturfortschritts der Menschheit nicht hinreichend gerechtfertigt. Die zweite wichtige Richtung, der das Judentum als Wirkungswert gilt, soll religiöses Missionsjudentum heißen. Hier wird nicht nur das nationale Moment am Judentum geleugnet, sondern auch das Stammesmoment für eine unerhebliche Nebensache genommen, die geradezu ignoriert werden darf. Heute jedenfalls ist die Westjudenheit ihrem Wesen nach ausschließlich als Religionsgemeinschaft anzusehen, wozu sie sich im Laufe der Geschichte entwickelt hat. Freilich sind manche Anschauungen und viele Bräuche der jüdischen Religion veraltet, aber geblieben ist und bleiben muß ihr ewiger Kern: das Ethisch-Religiöse, wie es im Prophetismus zum klassischen Ausdruck gelangte, die Idee des Einen heiligen Gottes und der Einen zur Heiligung berufenen Menschheit, deren unendliche Aufgabe im messianischen Ideal verwirklicht vorgestellt wird. Diese Idee des ethischen Monotheismus und Messianismus von allen offenen und geheimen poly- und pantheistischen Beimischungen rein zu erhalten, zu vertiefen, zu verbreiten, zur wahrhaften Anerkennung bei allen Völkern zu bringen, unter denen die Juden leben und denen sie sich in jedem Betracht, die Religion ausgenommen, vollständig einzugliedern haben — darin liegt der Sinn, die bleibende Mission des Judentums. Inn- Staate seiner Heimat soll jeweilen der Jude an der Herbeiführung des messianischen Zeitalters mitwirken; Israel soll „wie der Tau sein inmitten der vielen Völker". Die Erhaltung des Judentums ist notwendig und wert-