Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Frage nach dem Sinn des Judentums
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 271 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Frage nach dem Sinn des Judentums 27k; standene, ethische Grundtendenz, die gewiß nicht bei jedem einzelnen Juden zu finden ist, wohl aber bei den meisten prominenten Juden deutlich hervortritt. Daß trotz der numerischen Schwäche des jüdischen Bevölkerungsteils der verschiedenen Länder erstaunlich viele Juden hervorragende Stellungen auf den Gebieten der Wissenschaft, Kunst, Politik, Wirtschaft einnehmen; daß unter den Philanthropen großen und kleinen Stils, ja schon bei allen lokalen Wohlfahrtsbestrebungen, Juden unverhältnismäßig stark vertreten sind; daß bei den sozialen Bewegungen und Bestrebungen der Neuzeit Juden überaus wichtige Rollen spielen — das alles müssen wir als Symptome jener Tatsache ansehen. Hier erschließt sich der bleibende Sinn und Wert des Judentums, des jüdischen Stammestums. Vermöge seiner charakteristischen geistigen und sittlichen Eigenschaften kann und soll der jüdische Stamm durch rückhaltlose Hingabe an die anderen Völker deren und damit den allgemeinen menschlichen Fortschritt in kultureller und sozial-ethischer Hinsicht besonders wirksam fördern. Die wertvollen jüdischen Stammeseigenschaften restlos und unmittelbar in den Dienst der Völker zum Heile der Menschheit zu stellen, bildet den Sinn des modernen Judentums. Um der Völker, um der Menschheit willen muß sich der jüdische Stamm unvermischt erhalten und für die Stärkung seiner wertvollen Stammeseigentümlichkeiten Sorge tragen. Es geht nicht an, eine solche Sinngebung des Judentums leichthin als„Assimilantentum" abzutun. Sie verdient durchaus ernst genommen zu werden. Wenn die Judenheit imstande wäre, durch rückhaltlose unmittelbare Einstellung ihrer Stammeseigentümlichkeiten in die verschiedenen Volkskulturen den Fortschritt der Menschheit besonders wirksam zu fördern — hätte dann das Judentum nicht tatsächlich einen erhabenen Sinn und Daseinszweck? Bei aller gebührenden Anerkennung machen sich indessen gewichtige Bedenken gegen die Theorie geltend. Zunächst erscheint es sehr fraglich, ob bei vollkommener Assimilation außer der Blutsvermischung auf die Dauer die wertvollen Eigenschaften des jüdischen Stammes erhalten blieben. Wenigstens wäre zu diesem Zwecke noch eine sorgfältige Wahrung und Pflege der historischen Geistesgüter des jüdischen Stammes, seiner ethisch-religiösen Überlieferung, unbedingt erforderlich. Eine völlige, geistige und kulturelle Assimilation an die verschiedenen Völker muß allmählich auch zu einer charakterologischen Gesamtangleichung führen, derart, daß jeweils zwischen Staatsbürgern jüdischer und nichtjüdischer Stammeszugehörigkeit schließlich gar keine merkbaren Charakterverschiedenheiten mehr vorhanden sind, weder was die guten noch was die schlimmen Eigenschaften betrifft. Gehen aber so mit der Zeit die wertvollen jüdischen Stammeseigenschaften als jüdische Sondercharakteristika notwendig verloren, dann ist es für unsere Theorie um den Sinn'des Judentums, um die Daseinsberechtigung des jüdischen Stammes geschehen. Dazu kommt ein zweites Bedenken. Bei der geforderten Art von Assimilation ist nicht nur die Möglichkeit der Erhaltung der wertvollen jüdischen