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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 5 · p. 270

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 5
Article
Die Frage nach dem Sinn des Judentums
Date
1923-01-01
Page
270 (sequence 2)
Language
German
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Abraham Schlesinger: Von vornherein sei die negative Beantwortung der Frage ausgeschieden. Wo das Judentum schlechterdings nichts mehr bedeutet, wo es jeden Wert verloren hat, wo im Judentum weder religiös noch national, weder rassenmäßig noch kulturell noch sonstwie der geringste Sinn mehr gefunden wird, dort ist es zumeist vollkommen aussichtslos, durch Vernunftgründe oder sogar Tatsachen widerlegen zu wollen. Zudem muß, was an und für sich gegen eine radikale Verneinung des Judentums geltend zu machen wäre, wenigstens implicite in den positiven Antworten enthalten sein. Man kann diese übersichtlich in zwei Hauptgruppen einteilen, wenn man eine gebräuchliche Unterscheidung der Werttheorie zugrunde legt. Hier wird von „Wirkungswert'4 und „Eigenwert" gesprochen. Ein „Wirkungswert" gilt nur im Hinblick auf etwas außer ihm, nur wegen seiner Beziehung zu einem Andern, Fremden, für wertvoll. Ein „Eigenwert" aber erscheint für sich selbst als Wert, trägt seinen Wert rein in sich selbst. Demgemäß unterscheiden wir eine ■ Hauptgruppe, wo das Judentum als Wirkungswert, und eine zweite, wo es als Eigenwert auftritt. 1. Innerhalb der ersten Hauptgruppe verdienen zwei Richtungen besondere Beachtung. Nennen wir die erste ethisches Stammesjudentum. Es handelt sich um folgenden Gedankengang. Einst bildete das Judentum ein staatliches Volkstum, in dem jedoch von Anbeginn die Religion eine zentrale Stellung einnahm. Mit dem Verluste der Staatlichkeit wurde das Judentum ausschließlich zu einer Religion, freilich so, daß deren Bekenner zugleich ihre ursprüngliche Stammes¬ oder Blutsbesonderheit, ja sogar einigermaßen ihre ursprüngliche nationale Einheit beibehielten. Im Altertum kam der jüdischen Religion ein hoher Wert zu: sie schuf die Idee des ethischen Monotheismus und suchte sie auf allen Gebieten praktisch fruchtbar zu machen. Aber später, mit der wachsenden Ausbreitung des Christentums und noch mehr in der Neuzeit, d. h. in diesem Zusammenhang seit der Epoche der Aufklärung, wurde allmählich gerade ihr ethischer Kern so ziemlich Gemeingut der gesamten Kulturmenschheit, während ihre übrigen Bestandteile, die metaphysischen, kultischen und dergl. unserem modern-europäischen Geiste vollständig fremd und unzugänglich geworden sind. Auch als besondere Nationalität läßt sich das Judentum bei .der in Westeuropa schon durchgeführten und anderwärts immer weiter fortschreitenden kulturellen Assimilation der Juden nicht mehr ansprechen. Was also von ihm noch Eigentümliches übrig bleibt, ist die Tatsache der — wenigstens relativen — jüdischen Bluts¬ oder Stammesbesonderheit. Sie nun sichert dem Judentüm für unabsehbare Zukunft seine Bedeutung. Der jüdische Stamm zeichnet sich trotz mancher Untugenden, die ihm anhaften mögen, unverkennbar durch bestimmte wertvolle Eigenschaften aus. Alle Welt kennt die hochgezüchtete Geistigkeit des jüdischen Stammes und seine eigenartige, wie immer ent-

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