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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 5 · p. 269

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 5
Article
Die Frage nach dem Sinn des Judentums
Date
1923-01-01
Page
269 (sequence 1)
Language
German
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Abraham Schlesinger: Die Frage nach dem Sinn des Judentums 269 ABRAHAM SCHLESINGER / DIE FRAGE NACH DEM SINN DES JUDENTUMS Dem Andenken meiner Mutter Caroline Schlesinger geb. Frankel 1. Unter der Judenfrage versteht man gewöhnlich die empirische Frage nach Wesen und Wurzel der vielgestaltigen neuzeitlichen „Judennot" sowie nach den tauglichsten Mitteln zu ihrer Überwindung. Man kann aber auch das geschichtsphilosophische Problem der Daseinsberechtigung des Judentums meinen. Repräsentiert das Judentum noch einen besonderen Wert? Erfüllt es noch einen besonderen Zweck in der modernen Kulturwelt? Hat das Judentum und also das Judesein oder genauer das Judebleiben noch irgend einen vernünftigen Sinn, derart, daß man fordern darf: das Judentum ist etwas, das erhalten, entwickelt, erneuert werden soll? Die Judenfrage so stellen, heißt vielleicht sie recht unzeitgemäß stellen. Wir befinden uns in der Zeit des praktischen Aufbaus, wo die Beschäftigung mit derlei Fragen den Eindruck einer fast ärgerlichen Weltfremdheit hervorrufen muß. Man weist einfach darauf hin, daß das Jüdewein als eine Naturtatsache'1 zu gelten habe, derenletzte Berechtigung in ihrem Dasein selbst liege. Der natürliche Selbsterhaltungstrieb, der „Wille zum Leben", bedürfe als das Primäre nirgends erst einer philosophischen Rechtfertigung. Einen besonderen Sinn und eine besondere Existenzberechtigung des Judentums zu suchen, sei ebenso unnötig und aussichtslos, wie etwa der entsprechende Versuch gegenüber dem Christentum oder dem Deutschtum oder dem Leben überhaupt. Dennoch soll die Fragestellung beibehalten werden. Wer das Leben nicht als Problem empfindet, mag es bei der Tatsache seiner Gegebenheit bewenden lassen. Wem es aber einmal problematisch geworden ist, dem bleibt kein anderer Weg, als zu einer Antwort vorzudringen, wie immer sie ausfalle. So ist heute das Judentum, das Judesein und -bleiben vielen Juden zum Problem geworden. Nicht alle Mischehen, Taufen, Austritte erfolgen nur aus äußeren Beweggründen. Und auch jede Art und das Maß jeder Art von praktischer jüdischer Aufbauarbeit wird letzten Endes bedingt durch die besondere Antwort auf jene Frage. Eine gewissenhafte Prüfung rechtfertigt sich dahei als Bedürfnis und moralische Verpflichtung zugleich. IL Es ist wohl das Zweckmäßigste, die zunächst am wichtigsten erscheinenden typischen Beantwortungsmöglichkeiten der Frage zu ermitteln und zu würdigen, jedoch unbekümmert darum, ob und inwieweit die einzelnen Antworten mit Programmen und Tendenzen bestehender Verbände oder Parteien vielleicht zusammenstimmen.

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