Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Wahrheit aus Palästina
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 264 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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264 A chad H aam: Unsere nationalen Schriftsteller pflegen den Geist unseres Volkes in der Thora zu suchen, mögen sie es auch in diesem Falle tun! Die Thora sagt: „Und die Beamten sollen ferner zum Volke sprechen: ,Wer furchtsam und ängstlich ist, möge wieder nach Hause gehen.*" Sie will nicht, daß man den Kriegern die bevorstehende Gefahr verheimliche, sondern im Gegenteil, daß man sie darauf vorbereite, ehe sie in die Schlacht ziehen. Und wenn sie im Herzen nicht die nötige Kraft finden, der Gefahr entgegenzutreten, „so mögen sie wieder nach Hause gehen". Und ganz ebenso haben auch die Weisen des Talmud später hinsichtlich des Nichtjuden, der zum Judentum übertreten will, befohlen: daß man ihm vor diesem Schritte die ganze Schwere des Joches zeige, das er auf sich nehmen will, daß man ihm rate, seiner Wege zu gehen, wenn er in seiner Seele nicht genug Kraft findet, alles zu tragen und zu dulden. „Unser Volksgeist" duldet mithin keine Täuschung „der guten Sache wegen". Alle müssen die Wahrheit kennen, und nur dann werden wir jene „Zuversichtlichen" herausfinden, die bereit sind, sich selbst in Gefahr zu stürzen um des Gesamtwohls willen, und werden sehen, ob es solche unter uns gibt oder nicht. Wenn aber nicht — und ich hoffe, daß auch meine Gegner mich nicht werden Lügen strafen wollen, wenn ich sage, daß es bisher beinahe keine gibt —, dann tritt die logische Wahrheit wieder in ihre Rechte und bringt uns zur absoluten Entscheidung, daß wir nicht in der Lage sind, heute entgegen all den großen uns widerstrebenden Kräften vorwärts zu schreiten, und daß wir warten müssen, entweder, bis unserer Sache große Männer erstehen, die die Hemmnisse so weit verringern, daß sie unsere . Kraft nicht mehr übersteigen, oder (was noch längere Zeit erfordert) bis unsere Kraft — d. h. unser inneres Vertrauen — an die Größe der Hindernisse heranreicht. „Wer ins Land unserer Väter zieht" — sagt einer meiner Gegner — „muß von vornherein wissen, daß er mit verschiedenen Hindernissen zu kämpfen haben wird, aber die Liebe zum Lande, der Mut, muß sie überwinden und sich den Weg bahnen". Und der zweite ruft ihm nach: „Mögen die Männer der Tat kommen und wie Nachschon ins Meer springen!" — Unter diese Worte kann ich getrost meinen Namen setzen, oder richtiger, unter solche Worte habe ich schon mehr als ein- und zweimal meinen Namen gesetzt. Und so hätten die „Sachkundigen" immer zum Volke sprechen müssen, ohne das Maß des „Ringens mit den Hindernissen" zu verkleinern oder das Meer für festes Land auszugeben* Und nur wenn solche Worte die Herzen gewinnen und wenn uns Männer wie Nachschon erstehen mit vollem Bewußtsein, nicht durchIrrtum, nur dann können wir hoffen, daß wir auf Grund der psychologischen Wahrheit zum Erfolg schreiten werden. Ich glaube aber nicht zu übertreiben, wenn ich sage, daß dies das erste Mal ist, daß wir solche Worte aus dem Münde der „Optimisten" unter den Zionsfreunden vernehmen. Und hätte die „Wahrheit" nur den einen Erfolg gehabt, daß sie sie zu diesem großen Zugeständnis vor allem Volke veranlaßt hat, so wäre schon der Nutzen, den sie gestiftet, nicht gering.