Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Wahrheit aus Palästina
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 262 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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262' Achad H aam: Wenn ich sie richtig verstanden habe, wollen sie damit folgendes sagen: Es gibt eine logische und eine psychologische Wahrheit. Die Logik wägt die verschiedenen im Leben miteinander ringenden Kräfte gegeneinander ab; findet sie nun, daß die Widerstände stärker sind als der Mensch oder das Volk, das gegen sie kämpft, so fällt sie das Urteil, daß dieser Kampf erfolglos bleiben muß. Nun gibt es im Seelenleben aber auch noch eine andere Kraft, die sich nicht immer und nicht unter normalen Verhältnissen vorfindet und die darum von der Logik zumeist nicht in Rechnung gezogen wird; diese kann nun die Entscheidung zugunsten ihres Trägers herbeiführen, entgegen allen Berechnungen der Logik. Diese Kraft ist das gläubige Vertrauen. Die gewaltige Sehnsucht nach Erreichung seines Zieles gibt dem Menschen oder dem Volke sicheren Glauben an sich selbst und Kraft, sich durchzusetzen: und dieser Glaube, dieses Vertrauen selbst sind wunderbare psychologische Kräfte, die den Schwachen zum Helden wandeln und ihre Träger oft ans Ziel ihrer Wünsche führen trotz aller Hemmnisse, die, an der kalten Logik gemessen, weit stärker waren, als die gewöhnliche normale Kraft derer, die sie bekämpften. Und wenn dies in der Tat ebenso die Meinung meiner geehrten Kollegen war, wie der Sinn meiner von ihnen angeführten Äußerungen, so kann ich nicht umhin, mich außerordentlich zu verwundern über die diametral verschiedenen Folgerungen, die verschiedene Menschen zuweilen aus einem Grundsatz ziehen können. Bemühe ich mich ja seit Jahren, eben diese Lehre — von der Macht des Glaubens und Vertrauens — dem Publikum in den verschiedensten Formen zu predigen, und hat ja eben sie mich veranlaßt, auch die „Wahrheit", die erste wie die zweite, zu veröffentlichen! Denn in der Tat ist das Vertrauen eine gewaltige Kraft, wenn es der inneren Quelle entspringt, dem innerlichen Sehnen nach Erreichung des Zieles; wenn der Zuversichtliche die Beschaffenheit des Weges, der vor ihm liegt, und die Hindernisse auf ihm kennt, sein Sehnen aber ihm den Glauben an sich selbst gibt, so daß ihm sein Sieg doch nicht unmöglich scheint. Anders aber, wenn dieses Vertrauen nur einen Irrtum auf Grund der Unkenntnis darstellt, wenn nicht das innere Sehnen seine Ursache ist, sondern der Umstand, daß der Mensch nicht weiß, daß der betreffende Weg gefährlich ist, und irrigerweise glaubt, daß es ihm leicht fallen werde, sein Ziel zu erreichen. In solchem Falle ist das Vertrauen nicht die alles überwindende Kraft, sondern im Gegenteil ein negativer Faktor, ein neues Hindernis zu den äußeren Hemmnissen. Sobald dieser Mensch auf die Gegenkraft stößt und seinen Irrtum einsieht, wird er erschrocken zurückweichen und verzagen, und da er auf einen Kampf gar nicht vorbereitet war, liegt die Gefahr nahe, daß er völliger Verzweiflung anheimfällt. Darum ist es meiner Ansicht nach notwendig, daß auch in bezug auf die Kolonisation Palästinas ganz Israel den wirklichen Sachverhalt kenne, sich dessen bewußt sei, wie zahlreich und wie stark die Hindernisse auf