Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Wahrheit aus Palästina
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 261 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Wahrheit aus Palästina werden, die nur irgendein Palliativmittel für die Krankheit von heute suchen, ohne um das Morgen besorgt zu sein. . .. Die schlimmen Ereignisse in unserem Leben haben die Herzen stumpf gemacht und das Denken verwirrt, so daß wir geneigt sind, den Wald vor Bäumen nicht zu sehen, unser ewiges Daseinsproblem vor dem der Stunde zu vergessen; und gar bald werden wir aufhören, uns mit „Philosophie" zu beschäftigen, d. h. in der Zionsliebe „eine radikale und ewige Antwort auf die Frage des Judentums" in ferner Zukunft zu sehen, und werden nur ein wohltätiger „Verein" sein wie alle anderen, deren ausschließlicher Zweck es ist, eine gewisse Anzahl armer Juden an irgendeinen fürdenAugenblick sicheren Ort zu bringen. Nur daß wir dabei Palästina den Vorzug geben werden, weil wir dort eine schöne „Vergangenheit", teure Gräber besitzen .. .. Ist dem aber so, so besteht ja wieder meine Frage zu Recht, die vor acht Monaten gestellt wurde: wenn auch die „Zionsliebe" nur eine partielle Antwort auf die Gesamtfrage der Auswanderung ist, welches Recht haben wir dann, sie zur obersten Hauptfrage zu machen, zum Schibboleth des nationalen Judentums, wo doch nur einer von hundert nach Palästina wird gehen können, um sich dort anzusiedeln? Und wenn die temporäre Not ein genügender Grund ist, um uns die Sorge für die Zukunft vergessen zu lassen und uns an einer gelassen enundwohlbedacht e n Arbeit für ein gemeinsames Ziel in ferner Zukunft zu hindern, welches Recht — so frage ich weiter — haben wir dann, uns über unsere Väter, zu beklagen, daß sie während der ganzen Dauer der Diaspora sich nicht bemühten, in Palästina einen Grundstein für das Glück der kommenden Geschlechter zu legen? War etwa ihre Not geringer als unsere? Und gleichwohl hören wir solche Vorwürfe oftmals aus dem Munde der Zionsfreunde. So sehen wir mit schmerzlichem Bedauern, daß ich, wenn ich in meinem Aufsatz behauptete, daß „es unseren Taten an Methode, Ordnung und Einheitlichkeit fehle", damit nur die halbe Wahrheit gesagt habe, und daß man, um das Bild vollständig zu machen, noch hinzufügen müßte, daß es auch unserm Denken an Methode, Ordnung und Einheitlichkeit fehlt und wir überall, wohin wir uns wenden, nur Verwirrung sehen — Verwirrung im Denken wie im Handeln. * * * Meine Gegner behaupten, daß es zwei Arten von „Wahrheit" gebe: eine theoretische und eine praktische Wahrheit. Und wenn die „Wahrheit aus Palästina" auch wirklich so aussehen sollte, wie ich sie dargestellt, so sei dies nur die theoretische Wahrheit, während in der Welt der Praxis eine andere Wahrheit herrsche, die Wahrheit des Kampfes ums Dasein; und diese Wahrheit sei, daß zuversichtlicher Optimismus imstande sein werde, verschiedene Hindernisse zu überwinden, die die theoretische Wahrheit sieht. Und einer meiner Gegner hat herausgefunden, ich selbst hätte vor einigen Jahren gesagt, daß „der Klugheit Glanz und Ehre eigne, dem Optimismus aber Größe und Kraft".