Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1916-10-01 · Heft 7 (Oktober 1916) · p. 476

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 7 (Oktober 1916)
Article
Jüdische Volkslieder
Date
1916-10-01
Page
476 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875883-3108006--0668-3108083
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

476 Arno Nadel: Wie Gott für das Würmchen sorgt, so sorgt er für alle und für alles, er ernährt — die ganze Welt. Aber er ist es auch, der alle bedenkt, — nicht nur mit Freuden, sondern auch mit Leiden, nicht nur mit Glück, sondern auch mit Unglück. Ohne Murren stellt er das Unglückselige fest: Den lohnest du, jenen nicht, und einem anderen verstellst du das Licht. Überhaupt ist die Situation nicht uninteressant. Der Bettler spricht gar nicht erst sein Publikum an, er wendet sich im lebendigen Gewimmel seiner Umgebung an Gott, — die Menschen möchten nicht ihm die Gabe reichen, sondern Gott, der sich ihrer Hand als eines unentbehrlichen Mittels bedient. Die Menschen sollen von Gott singen hören, damit sie sich ihrer Pflicht entsinnen: ,,Habt Erbarmen mit Redlichkeit, mit Jaschronaus', mit Würdigkeit, so kommt es euch zu, heißt es im Original. Die Form des Stückes geht offenbar in unbewußter Anlehnung auf das Gebet der „hohen Festtage", auf B'rausch haschonoh zurück: „Am Neujahrstag wird geschrieben und am Versöhnungstag wird besiegelt: Wer zugrunde gehen soll und wer geschaffen werden soll, wer leben soll und wer sterben soll, — usw. Und da wir von den Schatten dieser Welt reden, vom Reiche des Nichts und des Dunkels, so lassen wir nun ein grausiges Liedchen auf dem Gebiete der Zahlendeutung folgen, das nur die Attribute des Todes verwendet. Dte|Todes zahlen. Übertragung: „Ains", dos is die Schwerenes vun bittern „Eins", das ist die Drangsal des bitteren Tait. Todes. „Zwai", Kläp in Schul — d'e Gsaire is „Zwei" — geklopft in der Schul' — das farfull. Verhängnis ist voll. „Drai", bittere Tropen bai Mentschen zu „Drei" , bittere Tropfen beim Menschen Kopen. zu Häupten. „Vier" Wochen noch a Mentschen „Vier" Wochen — nach einem Menschen Schloischim. dreißig Klagetage. „Finf" Kloger, wosbaklogena Mentschen, „Fünf" Kläger, die einen Menschen beklagen. „Sechs" Bretter tut'na Mentschen leigen. „Sechs" Bretter tut man unter einen Menschen legen. „Sieben" Tag Schiw'e tut'n noch a „Sieben" Tage „Schiwah" tut man nach Mentschen sitzen. einem Menschen sitzen. „Achterlei Kleider tut'n a Mentschen „Acht"erlei Kleider tut man einem Menonton, sehen anziehn. „Nain" Tfochim tut'n a Keiwer groben. „Neun" Handbreiten gräbt man ein Grab. „Zehn" Mentschen hoben a Schure geton „Zehn" Menschen bilden eine Reihe, leigen. „Elf" Chadoschim tut'n Kadisch sogen. „Elf" Monate tut man Kaddisch sagen. „Zwelf" Chadoschim arum, tut men Johr- „Zwölf" Monate dahin, tut man Jahrzeit zait hoben. haben. Ginsburg und Marek Nr. 358. — Etwas Finsteres, schroff und schweigsam Anklagendes liegt in diesem Liede. Was wollt ihr die Zahlen anders deuten, — es bleibt und es ist: der Tod. Das ist die Wahrheit. Der Optimismus des Juden verkehrt sich in seinen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.