Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1916)
- Article
- Jüdische Volkslieder
- Date
- 1916-10-01
- Page
- 475 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Volkslieder 475 Jedes Baindel is in mir zubrechen, Chotsch ich bin an* Idiot, S-blaibt in mir nit mehr iber kain Koiach, Gott, seh allein, Gott. Chor: Zi is er vun a Schtain geboiren? Zi hot ihm kain Mutter gehat? Zi is denn die Welt Nor baschaffen var dem Klugen? Gott, seh allein, Gott. Jedes Glied ist in mir zerbrochen, Bin ich auch nur ein Idiot, Es ist in mir keine Kraft mehr vorhanden, Gott, sieh allein, Gott! Chor: Ist er denn von einem Stein geboren. Hat ihn keine Mutter gehabt? Is denn' die Welt Nur geschaffen für den Klugen? Gott, sieh allein, Gottl „Ist denn die Welt nur beschaffen für die Klugen?" — Das ist das Haupt-Wort des Liedes, das ist die Hauptfrage. Ist die Welt für die Reichen, für die Herren, für die Klugen nur gemacht? Was sollen die Andern?, Die Armen, die Knechte,* die Idioten? Diese Frage zu lösen, ist hier nicht unsere Aufgabe. Es sei nur der tiefe religiöse, ja der eigentümlich jüdisch-religiöse Kern des Ganzen bezeichnet, welches die jüdischen Volkssänger bewegt und zum melodiösen Ausdruck getrieben hat. An dieser Stelle mag denn auch das Blindenlied, das uns Pryluzki mitteilt, seinen Platz finden. Auch er setzt es unter die religiösen Lieder,1 „zulieb der starken, religiösen Stimmung", wie er es mit Recht begründet. Der Blinde. Mir danken un loiben dich, starker Held, Du verlost nischt kain Wermil unter der Du ernerst die ganze Welt, [Erd, Alles is fun dir beschert! Wemen Fraiden un wemen Laiden, Wemen Parnosse zum Gesind, Wemen Glick un wemen Umglick, Un wemen du machst blind. Wemen Joren un wemen verloiren, Wemen Guts un wemen Schlechts, Wemen darben un wemen starben, Un wemen du verstellst dos Lecht. Wemen Hachnosse un wemen Parnosse, Un wemen, nebach, Pain . . . Hots Rachmones mit Jaschrones, Schenkt a N'dowe a blinden Mann. Übertragung. Wir danken und loben dich, starker Held, Du verläßt kein Würmchen unter der Erd', Du ernährst die ganze Welt, Alles wird von dir beschert. Dem zu Freuden, dem zu Leiden, Dem zu Nahrung, mild gesinnt, Dem zu Glück und dem zu Unglück Und einen anderen machst du blind. Dem gibst du langes Leben, jenem nicht, Dem Gutes und dem Schlechtes, Dem Verderben und jenem Sterben, Und einem andern verstellst du das Licht. Dem gibst du Einkünfte, frohe Tage, Und dem — oh Jammer! — nichts als Plage. Habt Erbarmen, nehmt euch meiner an, Schenkt ein Almosen einem blinden Mann! Die ganze unendliche Dankbarkeit des frommen, ergebenen Menschen kommt hier zum Ausdruck. Der Blinde nennt seinen allgegenwärtigen Schöpfer in heiliger Demut: starker Held und begreift still und vertrauend, daß alles, wie es ist, sein muß. 33*