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Der Jude · 1916-10-01 · Heft 7 (Oktober 1916) · p. 474

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 7 (Oktober 1916)
Article
Jüdische Volkslieder
Date
1916-10-01
Page
474 (sequence 10)
Language
German
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474 Arno Nadel: Ginsburg und Marek Nr. 359. — Wie merkwürdig die Tagesdinge sind! Vor einiger Zeit besucht mich ein befreundeter Gelehrter auf dem Gebiete der Schwachsinnigen- Forschung. Wir plauderten über allerlei aus diesem Bereiche, welches genügend Beziehungen zum Rätsel der göttlichen Gerechtigkeit hat. Er erzählte mir von seinen reichen Sammlungen, die seinen Gegenstand von allen Seiten illustrieren. Und wie ich heute in den Briefen des Sängers Rosenstein blättere, fällt mir als erstes ein mir von ihm übersandtes Londoner Anzeigenblatt, das ein jüdisches Lied „Der Idiot" anpreist. Es erfaßt die Frage bis in den Grund und zeigt uns, wie das Volk selbst oft sich seelisch mit dem auseinandersetzt, was die Berufenen auf höheren Kulturstufen beschäftigt. Vor allem aber zeigt es uns, auf wie reichem und vielfältigem Boden das jüdische Volkslied seine Wurzeln hat. Was sind das für sonderbare einfache Leute, die gern ein neues Lied von einem Idioten hören. Wir lernen: das Volkslied ist dem Juden mehr als ein Luxus, es ist ihm oft genug so etwas wie Religion, Das kommt daher, weil dem wahren Juden das ganze Leben nichts anderes als Religion bedeutet. Das Lied ist als „Jetzt erschienen" bezeichnet, es nennt aber keinen Verfasser und kann somit als Volkslied angesprochen werden. Was sind denn Volkslieder überhaupt? Meistens nichts anderes, als Lieder, die einmal neu waren, wie alles was alt ist, und die „keinen Verfasser" haben. Eine eigene Bedeutung hat unser Lied noch dadurch, daß es den Chor verwendet. Man merkt: es kommt von London her, wo das jüdische Theater eine lebendige Stätte hat. Ob dieses Lied aus einem Stücke ist, kann ich nicht sagen, doch ist es wahrscheinlich. Der Idiot. As men Schnaidt main Flaisch, soll kain Blut loifen? As men schlogt mich, tut mir nit weh? As men schickt mich in Mark eppes koifen, „M'schuggener!" is a Geschrai. Bin ich denn vun a Schtain geboiren, Zi hot mich kain Marne gehat? Zi is denn die Welt nor baschaffen var dem Klugen? Gott, seh allein, Gott. Chor: Zi is er vun a Schtain geboiren? Zi hot ihm kain Mutter gehat? Zi is denn die Welt Nor baschaffen far dem Klugen? Gott, seh allein, Gott. Main Hoit, mainen sai, is vun Leder, Main Guf is vun Aisen gor! A Mizweh halt ihr a jeder, Mir zu varwisten maine Johr, Übertragung: Schneidet man mir mein Fleisch, soll kein Blut laufen? Schlägt man mich, tuts mir nicht weh? Und schickt man mich auf den Markt etwas kaufen, „Idiot" ist ein Geschrei. Bin ich denn von einem Stein geboren, Hat mich keine Mutter gehabt? Ist denn die Welt nur beschaffen für die Klugen? Gott, sieh allein, Gott! Chor: Ist er denn von einem Stein geboren, Hat ihn keine Mutter gehabt? Ist denn die Welt Nur geschaffen für den Klugen? Gott, sieh allein, Gott! Meine Haut, meinen sie, ist von Leder, Mein Leib ist von Eisen gar! Für eine Tugend hält ihr es ein jedei, Mir zu verwüsten meine Jahr*!

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