Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1916)
- Article
- Jüdische Volkslieder
- Date
- 1916-10-01
- Page
- 469 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Volkslieder 469 — 0, Brider, Brider, hot af mir Mitlaid, Wos ich nehm vun der Welt asei gich Opschaid, Un ich vargieß viel Thären a Taich! Oi, es chapt mir on a greisser Schreck, Wos ich geih asei jung vun der Welt awek Un darf liegen in der Erd mit'n Werm'l zuglaich! Brider, Brider, seht, wie fain is main Stub, Un ich darf vun ihr gaihn in a finstere Grub! Es helft nit main Raichkait un main viel Geld, Oi, in Buch vun Teit bin ich schoin varschrieben geworen, Oi, es endigt sich schoin maine Johren, Oi ich geih schoin awek vun der Welt! Kummt aher, main Waib un maine Kinder, Gott soll mit aich ton Winder, Worum Er hot af jedem Rachmones! Oi, on aier Taten sollt ihr vargessen, Worum jeder Glied un jeder Eiwer welen Werm zuessen. Gott wet aich stitzen, Er is Awi-jsseimim w* Dajan-almoneis! — 0 Brüder, Brüder, habt Mitleid mit mir, Daß ich so schnell muß fort von hier, Und ich vergieße viele Tränen einen Teich, 0, es ergreift mich ein großer Schreck, Daß ich so jung von der Welt muß weg, Und soll liegen in der Erde mit den Würmchen zugleich! [Stube, Brüder, Brüder, seht, wie fein ist meine Und ich muß fort von ihr in eine finstre Grube! Es hilft nicht mein Reichtum und mein viel Geld, 0, aus dem Todesbuch bin ich nicht zu streichen, 0, wie die Stunden von mir entweichen, 0, ich geh schon fort von der Welt! Kommt her, mein Weib und meine Kinder, Gott soll an euch vollziehen ein Wunder. Müssen wir ihn nicht Allerbarmer preisen? 0, euren Vater sollt ihr nicht vergessen, Denn jedes Glied werden ihm Würmer zerfressen. Gott wird euch stützen, er ist der Richter der Witwen und der Vater der Waisen! Ginsburg und Marek Nr. 349. — Der Inhalt des Liedes ist klar und spricht vollkommen für sich. Bemerkenswert ist die Zeile, „du sollst nicht müssen zurückgeschaffen werden*die eine Anspielung auf den Glauben an die Seelenwanderung enthält, welcher hier im Ghetto-Element von den Geheimnissen der Kabalah herstammt.— Im „Pinkes", dem bereits früher genannten jüdischen Jahrbuch, finde ich ein anderes interessantes Sterbelied. Dieses erinnert mich an einen der letzten, vielleicht den letzten echten jüdischen Volkssänger, an meinen Freund, den Schauspieler Leo Rosenstein. In jüdischen Theaterkreisen kennt man ihn wohl, aber sonst gewiß nirgends. Er verdiente eine besondere Monographie, so edel, so klug und so voll jüdischer Volkslyrik und jüdischer Volksmelodien ist er. Und welch ein echter, herrlicher Zigeuner ist er! Man findet ihn in Wien, in Berlin, in Paris und London, — und vor dem Krieg war er in New-York, in einem der großen jüdischen Theater, wo er kleine Rollen spielt, da er gar kein Schauspieler ist, sondern ein echter Künstler, einer vom Schlage Gösta Berlings, die alle Poesie in sich tragen und dennoch niemals ein gutes Gedicht zustande bringen. Traurig wird man, wenn man an diesen schönen, dunklen, schwarzlockigen Mann denkt, der nun wohl auch in Amerika viele Menschen und vor allem viele Mädchen begeistert, wenn er in den Abendstunden in seinem finstern Hotelzimmer sich einschließt und mit zitternder wundervoller Stimme, wie der verspätete Vogel einer alten Traumzeit, die herrlichen jüdischen Volkslieder erklingen läßt. Von ihm hörte ich die Strophe eines Liedes, von dem er sonst nichts wußte, und das ich nun, schön erhalten, im „Pinkes" finde.