Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1916)
- Article
- Jüdische Volkslieder
- Date
- 1916-10-01
- Page
- 467 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Volkslieder 467 Wehe dem Reichen, der nicht fromm und gütig ist, — das ist eine alte jüdische Anschauung, wie es eine ewige religiöse Anschauung überhaupt ist. Jung wird er sterben, Kind und Weib wird er verlassen müssen und in Furcht vor den Richter der Richter treten. Die Klage eines solchen armen Reichen schildert das folgende Lied, das ebenso sentimental wie wahrhaftig ist, und das gewiß von einem Todkranken geschaffen worden ist. Klage des Sterbenden, — Krank, krank bin ich geworen, 'ch schpir schoin nit kein Leben, kein Glied, kein Eiwer. Oi, in a-n-ander Dire tu ich, Brider, ariberfohren, Sie is doch allemen bekannt, —■ men ruft ihr Keiwer. Wos is geworen mit maine Oigen? Sei sainen mir geworen varzoigen, 'ch derkenn schoin kein Mentschen, wer's geiht ba mir arain! Oi, Gott tu mir Winder, Losjnir leben ba main Waib un Kinder, Ba main Waib un maine Kinder los mir sain! — Seh, main Mann, getraier, Wos brennt ba uns asa Faier, Oi weih, wos is mit dir geworen! Du geihst awek vun der Welt ohn a tolk un ohn a lad, Du lost dain Waib mit daine Kinder af eibig no wo-nad, Du bist noch dain Welt nit durchgef ohren! * Du host mir zugesogt var Mentschen, As du west mir unter main Chupe bentschen, As du west sich unter main Chupe zieren, —> Haint, Voter'l, wos tustu vun mir aweksch weben! Tu chotschbe, tu chotschbe main Chupe derieben! weih, du sollst mir unter main Chupe f ihren! Übertragung: — Krank, krank, bin ich geworden, Ich spür schon kein Glied, kein Leben, keine Luft, O, in eine andere Wohnung tu ich, Brüder, hinüberfahren, Sie ist doch jedermann bekannt, —• man nennt sie Gruft. Was ist geworden mit meinen Augen? Sie sind mir geworden verzogen, Ich erkenne schon keinen Menschen, der zu mir kommt herein, 0 Gott, tu mit mir ein Wunder, Laß mich leben bei meinem Weib und bei meinen Kindern, Bei meinem Weib und meinen Kindern laß mich sein. — Sieh, mein Mann, getreuer, Was brennt bei uns so ein Feuer! 0 weh, was ist mit dir geworden! Du gehst fort von der Welt ohne Zweck und Sinn, Du läßt dein Weib und deine Kinder, —- wo sollen wir hin? Du bist doch deine Welt nicht durchfahren! — Du hast mir zugesagt vor der Welt, Du wirst mich segnen unter dem Trauungszelt, Du wirst dich unter meinem Trauzelt zieren, — Nun, Väterchen, was tust du von mir fortschweben, Möchtest du doch, möchtest du doch nur meine Trauung erleben, 0 weh, du sollst mich unter das Trauzelt führen.