Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1916)
- Article
- Unsere Literaten und die Gemeinschaft
- Date
- 1916-10-01
- Page
- 463 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Unsere Literaten und die Gemeinschaft 463 Raum hineinragen zu lassen, wenn man also den Menschen auf Erden neben Gott eine eigene überirdische Energie zuweist." Das ist Kiddusch haschem, in dem von Hugo Bergmann dargelegten Sinne, nichts anderes, das ist Talmud malgre lui und weit entfernt von aller paulinischen „Gnadenwahl". — Gleich darauf muß freilich die Tat in ihrer Wurzel wieder vernichtet werden: „Die Werktätigen werden leicht zu Werkheiligen und Scheinheiligen". — Nein, lieber Paul Adler, zur Inszenierung des Heiligenscheins haben die wahrhaft Werktätigen wirklich keine Zeit! Sofern sie nur richtig tätig sind. Und gerade dann bricht die Heiligkeit aus ihnen hervor; sie bemerken das aber gar nicht, denn nicht einmal dazu haben sie Zeit, Sie lieben und sind nichts als Liebestat. Diese Angst vor der handgreiflichen Tat und leiblichen Gemeinschaft (es gibt nur eine „Kirche der Seelen") ist für Adler wie für andere jüdische Neuchristen charakteristisch. Er bezwingt das Banale nicht, er umgeht es. Durch Mythen (wie in den Novellen „Elohim", im Roman „Die Zauberflöte"), wobei eine erstaunliche Bildnerkraft und Schärfe der Kontur den bei aller alexandrinisch anmutenden Gelehrsamkeit traumhaften Stoff schön durchwärmt, wiewohl er unbelebt bleibt, — am radikalsten erscheint diese Umgehung des Realen im Buche „Nämlich", in dem metaphysisch fundierter Irrsinn, eine Art von intellektueller Verzweiflung, alle Materie aufhebt, jede Beziehung auf Irdisches durchkreuzt, indem er jede, aber auch jede beliebige möglich macht, eine rein spirituale Welt schafft, die von äußerster Sittlichkeit, jedoch schon ohne den zur Formgebung notwendigen Gegendruck des Körperlichen, Bedingten ist. Das Bild Kants von der Taube, die im luftleeren Räume besser zu fliegen hoffte, rückte nahe. —■ Unter dem Saugventil verdünnen sich Sachzusammenhänge zu bloßen Wortgleichklängen, die Adler mit ganz eigenartiger, virtuoser Technik meistert. Und nicht immer entschädigt den von allegorischen Anspielungen erschöpften Leser eine so saftvolle, irdisch und dennoch geläutert geschriebene Episode wie die vom jungen Mechaniker Karl Tamin und seiner geliebten Eve (in der „Zauberflöte"). 6. Eine Sonderstellung scheint mir Franz Kafka einzunehmen. Auch sein Hauptthema, ja sein einziges Thema ist der isolierte Mensch. Aber während bei Hofmannsthal das Ich aus der ihm gegenüberstehenden Welt Genuß um Genuß saugt (wie sein „Frühlingswind", der durch kahle Alleen läuft und überall den Duft, das Weinen, Lachen und Musik mitnimmt), während sich also dieses Ich von seiner Isolierung zu nähren, an ihr aufzurichten sucht, während bei Werfel und Ehrenstein dieses Einsamsein immerhin schon ein Schmerz, aber doch auch Notwendigkeit, Unentrinnbarkeit ist, bekommt es bei Franz Kafka (und hier nähert er sich der erhabensten religiösen Konzeption des Judentums) die Bedeutung — einer Sünde. Alleinsein, außerhalb der Menschheit stehen, das ist unsere eigene tiefste Verschuldung, das ist in Kafkas Erzählungen der Gegenstand ewiger, stets erneuerter Reue. Es zeigt also dieser Dichter wieder starkes Gefühl für die Gemeinschaft, aber es ist ein Gefühl mit negativem Vorzeichen, es ist Reue, Selbstverurteilung, dunkles Schuldbewußtsein. „Das Urteil", „Vor dem Gesetz", „In der Strafkolonie", „Der Prozeß" so heißen denn auch mit Hervorkehrung des Strafverfahrens gegen das Unrecht der Isoliertheit die (zum Teil noch unveröffentlichten) Visionen Kafkas, eben dieses Gefühl variierend, das man sich nicht ungesühnt aus tätiger positiver Gemeinschaft ausscheiden kann. Wunderbar starke Symbole des reuigen Ausgeschlossenheitsbewußt-