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Der Jude · 1916-10-01 · Heft 7 (Oktober 1916) · p. 462

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 7 (Oktober 1916)
Article
Unsere Literaten und die Gemeinschaft
Date
1916-10-01
Page
462 (sequence 6)
Language
German
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462 Max Brod: einigen hellenischen Visionen, in denen knabenhafte Gymnasialanklänge verschämt und lieblich, ja wehmutsvoll lieblich aufschluchzen, oder in einigen knappen Versen von schlichter Originalität des Ausdrucks, echtester Lyrik des Ergriffenseins, — da gibt man sich ihm ganz gefangen. Die heißen Anklagen in einem Gedicht wie „Entwandlung" sind unvergeßlich. „Ich sah einen Turmfalken, gewohnt im Äther zu weiden, sich einwühlen in den Sand eines breslauer Käfigs" —■ kein stärkeres Symbol für das chaotische Sein wurde vor mein empört aufjagendes Herz gestellt. Dann aber jagen andere Bilder vorbei. Sehr gut, sehr konsequent, erstaunlich konsequent, möchte man immerfort murmeln. Aber in welcher Hinsicht denn eigentlich konsequent? —■ muß man am Ende fragen. Und da konstatiert man leider, daß allerdings kein Dichter bis auf Ehrenstein eine Stimmung so konsequent und rückhaltlos dargestellt hat, daß diese eine Stimmung aber nichts ist als die bekannte (ich muß hier im Jargon reden) „miese1* Laune, die keito Weltschmerz, sondern ein Ich-Schmerz ist, negativer Egozentrismus und jene Verengerung der Gefühle, von der Moerike gemeint hat: „Im Katzenjammer ruft man keine Götter." Ehrenstein ruft trotzdem alle Götter, aber es ist gerade kein erhebender Anblick, wenn er sie nur zur Beklagung seiner erotischen Mißstände und anderer Peinlichkeiten und Begehrlichkeiten anruft. Er tut das, wie schon gesagt, sehr aufrichtig und konsequent, so daß die kleinen Malheurs einen Zug ins Große, Kosmische annehmen, — nein, immer nur annehmen wollen. Der teuflische Kosmos, — das ginge noch, das wäre Gnosis. Aber der noch so aufrichtig gemeinte „miese" Kosmos, wirkt doch nur unwahr, wirkt als maßlose Überschätzung des eigenen Ich, das sich irgendwie unbehaglich fühlt und dieses Unbehagen nicht bekämpft, sondern hemmungslos wichtig nimmt. Ein in Permanenz erklärtes Sich-Ekeln, das ist das bisherige Werk Ehrensteins (seine oft kraftvolle Prosa, z. B. „Tubutsch" miteingeschlossen). Wenn ich es durchblättere, ergreift mich wieder einmal die Trauer über den Verfall des jüdischen Geistes. Eine so reiche Begabung, erfinderisch und sprachgewaltig, mit dem impetuosen Abscheu unserer Propheten gegen die mangelhafte Wirklichkeit ausgestattet, —was hat der Westen, was haben Wien und Berlin aus ihr gemacht (bei ihm wie bei dem nahe verwandten Karl Kraus): ein in schmerzhafter Wollust eitel isoliertes Ego, 5. Die letzte Konsequenz aus allen Anarchismen der jüdischen Seele zieht Paul Adler. Schon seine Methode ist eine bewußte Ausschaltung aller gegenständlichen Bindungen, — ästhetisch genommen: vollständige Ausschaltung der „epischen Handlung" und „epischen Charakterisierung", — sittlich genommen: eine restlos strenge Unterdrückung des Banalen, Alltäglichen, Bedürfnismäßigen, eine reine Zuwendung ins Metaphysisch-Wesenhafte. Das typisch Jüdische in dieser Geistesrichtung ist unverkennbar. Und wer es etwa in Adlers Novellen und Romanen (erschienen im „Hellerauer Verlag") noch übersähe, zu dem sprächen zumindest die (in der „Aktion" vom 3. Juni 1916, einer sehr bemerkenswerten Paul-Adler- Sondernummer gedruckten) Aphorismen eine unmißverständliche Sprache. Von eigentlich jüdischem Wissen leider recht unbeschwert, von christologischer Spekulation überhitzt, — dennoch der gute, skeptische und zugleich gottesdurstige Judengeist. Wer überhört ihn in dieser Bemerkung etwa: „Unsere irdische Laufbahn kann trotzdem in einem Sinn für die Ewigkeit Bedeutung gewinnen, wenn man sich nur entschließt, alle menschlichen tatkräftigen Gesinnungen in einen überirdischen

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