Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1916)
- Article
- Unsere Literaten und die Gemeinschaft
- Date
- 1916-10-01
- Page
- 464 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101112-8875883-3108005--0655-3108071- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
464 Max Brod: Unsere Literaten und die Gemeinschaft seins, das die Seele des modernen Juden durchtobt, hat er geschaffen: den Knaben, der von seinen Eltern verstoßen, nach Amerika auswandert und auf dem Schiffe eine erste, menschlich freie Beziehung zu einem „Heizer" anknüpft, — den fleißigen Reisenden, der eines Morgens in seinem Bette als ungeheuerliches Insekt erwacht und in dieser Gestalt, aufs Radikalste der Gemeinschaft entrückt und jenseits aller menschlichen Gebundenheiten, sein trauriges Leben eines naturwidrigen Eremiten, eines Monstrums zu Ende lebt („Die Verwandlung" — Verlag Kurt Wolff).Obwohl in seinen Werken niemals das Wort „Jude" vorkommt, gehören sie zu den jüdischesten Dokumenten unserer Zeit, Für die nächste Epoche dürften sich die weit- und gemeinschaftsflüchtigen Tendenzen der jüdischen Autoren verstärken. Die einen aber werden diesen Schmerz als Stachel zu Neuschöpfungen, zu besserer Organisierung des irdischen Wandels zur Erneuerung aller aller Herzen in sich verspüren, woraus nebst anderem auch eine neue jüdische Dichtung aufquellen mag (so hoffen wir es!). Die andern werden sich dabei beruhigen, Schmerz zu empfinden und dabei, daß sie es sind, so ausgezeichnete, oder so reine, so edle oder auch so verworfene, so verabscheuenswürdige Wesen, die diesen tiefen Schmerz empfinden. Auch diese Selbst Verachtung, wiewohl würdevoller als die Selbstbehauptung, nimmt immer noch das eigene Ich zu wichtig, heftet die Augen zu wenig auf die ungeheure Aufgabe draußen, außerhalb des Ich, geht mehr auf Selbsterlösung aus als auf das innerste Ethos des Judentums;: Messianismus, Welterlösung. Deshalb wird diese Art von egozentrischer Literatur nur den Rang einer interessanten, genialen und tragischen Episode im Gesamtdasein unseres Volkes beanspruchen können, wiewohl viel Geist und Herz (Namen wie Sternheim, Wolfenstein, Oskar Baum*), Rudolf Fuchs, Ernst Weiss seien mindestens erwähnt) an sie verschwendet worden ist. Ob diese Episode in Westeuropa je überwunden werden wird oder ob sie schon den Anfang der seelischen Auflösung bedeutet: wer wagte das zu entscheiden? Man hüte sich jedoch, so schwer es fallen mag, vor Illusionen der nationalen Eitelkeit, wie z. B. vor der Ansicht, daß eine gewisse Richtigkeit oder traditionale Gemäßheit oder gar schon Strammheit der Gesinnung die neue jüdische Kunst schaffen kann. Dieser Satz scheint selbstverständlich, trotzdem fehlt es selbst bei den als klug verschrieenen Juden manchmal an der primitiven Einsicht, daß Kunst nichts ist, was gewollt und kommandiert werden könnte. Nein, gehn wir an unsre Arbeit, helfen wir jeder an seinem Teil in Redlichkeit eine neue jüdische und menschliche Gemeinschaft aufbaun. Auf irgend einem, heute noch ungeahnten Wege wird plötzlich eines Tages der Genius niederfahren und die neue Gemeinschaft wird, ohne es einen Moment vorher gewußt zu haben, ihre neue Kunst haben; so oder niemals. Prag Max Brod *) Wir bringen demnächst eine Notiz Brods über das Schaffen Oskar Baums. (Anm. d. Red.)