Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1916)
- Article
- Unsere Literaten und die Gemeinschaft
- Date
- 1916-10-01
- Page
- 461 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Unsere Literaten und die Gemeinschaft 461 weit individualistischer als Aischylos, ließ Elektra zumindest rechtzeitig als Person hinter dem größeren Motiv des gesühnten Unrechts verschwinden.) Aber auch bei Franz Wer fei, den viele sehr richtig als Gegensatz Hofmannsthals empfinden und der wirklich nicht nur in seinem ersten Buche „Der Weltfreund" („Eine gute Tat habe ich getan. — Nun bin ich nicht mehr einsam"), sondern auch in vielen herrlichen Gottesmelodien späterer Verse („Einander" — „Wir sind" — Verlag Kurt Wolff) wie eine Reinkarnation altjüdischer Prophetie erschien, zeigt sich immer entschiedener (allerdings unter Zuckungen und Qualen, auf die ich immer noch meine Hoffnung setze) die Abkehr von aller Tat und Gemeinschaftsbildung, „Ich halte dir meine beschmutzten Hände hin, wie ein Kind, das am Abend der Waschung wartet" — so drückt er sein rein passives Verhältnis zu Gott aus. „Fremde sind wir auf der Erde Alle — Und es stirbt, womit wir uns verbinden" — so sein negatives zur Gesellschaft. Sein Beitrag in Hillers „Ziel" verzichtet so überdeutlich auf alles Tun, daß man hinter den ablehnenden Worten doch wieder die Sehnsucht hervorzuhören glaubt. Doch vielleicht ist diese Sehnsucht schon zu schwach, weil sie sich an ihrer Schönheit und selbstquälerischen Haltung berauscht. Wer könnte sich auch der stürmisch erfindungsreichen Gewalt solcher Verse entziehen wie etwa: „Flucht ist mir nicht gegeben, Wohin ich mich wende, Leben! So will ich mich denn verweben Ins Ewige, ins Allein! Auf dieser Erde eben Sitzen und sein und schrein!" Doch bei aller Hinneigung zum Negativen, zu untätiger Reue und fruchtloser Zerknirschung, zu Auflösung und Beendung, gelingen diesem außerordentlichen Dichter immer neue Gestalten und Symbole, lösen sich von seinem Munde Gebilde einer entzückend freien schöpferischen Syntax, die nichts mit dem ängstlichen Wort- und Reimerfinden anderer Moderner gemein hat. So kann es geschehen (und ich glaube daran), daß plötzlich einmal aus der positiven Form auch der positive Geist hervorbrechen wird, wie sonst umgekehrt der Geist seine Form zu erzeugen pflegt. 4. ,,Sitzen und sein und schrein!" Der schreiende Mensch, das ist der westjüdische Literat von heute. (Von Ostjuden ist in diesem ganzen Versuch nicht die Rede). Der schreiende Mensch, nicht der in Leben und Dichtung gestaltende Mensch. Deutlich verbirgt sich bei den meisten gerade hinter starker Ausdrucksfähigkeit („Expressionsimus") ein Mangel an Ausdruckswürdigem. Das rasche Tempo des Stils, heftige neue Adjektiva, eine Vorliebe für krachende, gellende, läutende Verba, — und hinter all dem bunten Lärm eine erschreckende Öde, sowie man auch aus dem Gekeife eines schreienden Menschen seine Müdigkeit schon herauszuhören, ja sie hinten in seinem schwarzen Rachen lagernd zu sehen glaubt. „Der Mensch schreit" heißt das neue Gedichtbuch Albert Ehrensteins (Verlag Kurt Wolff). Ein aufrichtiges Buch. Verse von oft hinreißender Kaltblütigkeit, möchte man sagen. Von einer Kaltblütigkeit, die aussieht wie plötzlich zu spitzen Kristallen erstarrtes heißes Gefühl. Wo dieses Gefühl freier ausschwingt, wie in