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Der Jude · 1916-10-01 · Heft 7 (Oktober 1916) · p. 460

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 7 (Oktober 1916)
Article
Unsere Literaten und die Gemeinschaft
Date
1916-10-01
Page
460 (sequence 4)
Language
German
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460 Max Brod: sich selbst samt Gesundheit und Vermögen zum Opfer bringende, augenblickliche Arbeit mit der Gleichgültigkeit Rubiners vergleicht, die feststellt: „(Juden-)Haß ist etwas, worüber man doch einmal zur Verständigung kommen kann" (doch —• einmal —1 kommen kann), dann verzweifelt man freilich mindestens einen Tag lang an unseren Literaten, denen Berge von Papier (allerdings nach neuester Nüance von leidenschaftlich, expressionistisch, manifestant bedrucktem Papier) nicht nur den Weg zu ihrer eigenen Tat, sondern überdies noch den Ausblick auf redliche Taten anderer zu versperren scheinen. 3- Während der kleinere Teil unserer Schriftsteller und Dichter durch den Krieg, der die tiefe, bis auf den Grund reichende Mangelhaftigkeit des heutigen europäischen Geistes und die Unzulänglichkeit der kapitalistisch orientierten Gemeinschaftsballungen schonungslos enthüllt hat, auf verschiedenen Wegen zu einer neuen Gemeinschaft hingeführt wird und sich als Sünde anrechnet, nicht schon vordem tätiger gewesen zu sein: bedeutet für den übrigen Chor der Krieg nichts als eine neue Bestätigung ihres politikfremden Individualismus. >,Die nationalen und sonstigen Bindungen haben gezeigt, wohin sie die Menschheit führen: seien wir also lieber ehrlich Vereinsamte, Verzweifelnde, Einzelne, aber doch zumindest Menschen." Diese Stimme erhebt sich allenthalben. Es läßt sich nicht leugnen, daß diese Argumentation und mehr noch ein ihr ahnungsvoll zugrunde liegendes, trauervoll einschmeichelndes Gefühl, das letzten Endes zur Bildung einer neuen Gnosis, eines Neuchristentums im Judentum führen muß, viel Bezauberndes an sich hat. Tatsächlich sind auch die meisten unserer Literaten, und zwar gerade die bedeutendsten, auf dem Wege dahin. Man kann also füglich von einer Krise des jüdischen Geistes sprechen. Mit seichter Abfertigung, mit verächtlichem Wegblicken läßt sich diese Gefahr nicht abtun. —• Die jüdische Seele, zweitausend Jahre lang auf der Suche nach einer neuen Gemeinschaft, nach der ,»Heiligung des Namens" auf Erden, scheint gerade in unseren Tagen dieses Suchens müde zu werden und sich resigniert auf einen schlaffen Egozentrismus zurückzuziehn. Unfähig, die neue Gemeinschaft mitaufzubauen, wendet sie sich dazu, zu verzweifeln und jede Möglichkeit einer Gemeinschaft zu negieren. ,,Die Tat ist wie ein Bette, auf dem die Seele ausruht, wie ein Bett von Balsam, drauf die Seele ruhen kann, die eine Wunde ist, ein Brand, ein Eiter, eine Flamme!" — Kann die Ratlosigkeit, mit der die jüdische (oder jüdisch tingierte) Seele die befreiende Tat ansieht, sich selbst nackter charakterisieren als in diesen Zeilen Hugo von Hofmannsthals („Elektra")! Wir haben so wenig Verständnis für die Tat, daß wir sogar die Tat als eine Abart des Ausruhens auffassen, die Bewegung unter die Ruhe subsumieren müssen! Tiefster Punkt eines passiven Volkes, letztes Unverständnis der Freiheit! Nichts als Blässe, adelig-kranke Schönheit ist übrig geblieben. Während das analoge Drama des Aischylos nach Mord und Vernichten in die Verherrlichung einer gesellschaftstiftenden aufbauenden Staatsaktion ausläuft (Orest: „Getötet liegt des Landes Doppeltyrannei usf." in den „Choephoren" und dann der ganze dritte Teil der herrlichen Orestie), muß uns bei Hofmannsthal wie das gestaltgewordene Symbol des Egozentrismus die einsam, nur für sich selbst dahintanzende Elektra, ein Ornament der Hysterie, genügen. (Sophokles, wiewohl

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