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Der Jude · 1916-10-01 · Heft 7 (Oktober 1916) · p. 459

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 7 (Oktober 1916)
Article
Unsere Literaten und die Gemeinschaft
Date
1916-10-01
Page
459 (sequence 3)
Language
German
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Unsere Literaten und die Gemeinschaft 459 Entdeckungen. Der eine ist Ästhet, um nichts tun zu müssen. Das ist aber noch der einfachste Fall! Andere glauben sehr tätig sein — zu wollen, nur eine innere Schwäche, eine Krankheit des Gemüts stehe im Wege. Oder allzufeine Gewissenhaftigkeit, die Für und Wider noch einige Jahrzehnte lang abwägen muß. Oder die Einsicht, daß alles Tun doch nur vergeblich, daß es eine Lüge, wo nicht eine Sünde sei. Daß die „Gnade" durch menschliches Zutun nicht erlangt, vielleicht sogar eher verscheucht werden könne. — Kurz, bei Betrachtung all der jüdischen Literaten, die immerfort überlegen oder schreien, fluchen, weinen, in Verzweiflung, in Welten von Ekel, Reue und Zerknirschung, in Anklage und trefflichster Satire, in völliger Verdammnis der Welt und in blendender Sehnsucht schwelgen, möchte man meine ironische Privatformel für diesen Komplex nicht unberechtigt finden: „Was tut man nicht alles, um nichts tun zu müssen." Daß Kurt Hiller und einige seiner Freunde sich klar aus dieser unübersehbaren Modeherde ausgesondert haben und den zwar noch oft von Irrtümern überwogten, aber doch wesenhaften Weg zu einem „Ziel", diesen uralten jüdischen Weg zu El (was zugleich „Ziel" und „Gott" bedeutet) eingeschlagen haben, das muß ebensosehr als Zeichen der Gesundung jüdischen Geistes angesehen werden wie das gleichzeitige Erstarken zionistischer Gefühle und Gedankengänge in andern Teilen des Westjudentums. Wenn nicht alles trügt, steht eine gegenseitige Wechselwirkung dieser beiden Jdeenwelten aufeinander bevor. Ja, sie hat sogar, freilich vorerst im Ton erregter Auseinandersetzungen, in einigen zionistischen Organen wie „Selbstwehr" und „Jüdische Rundschau" schon begonnen. Völlig falsch orientiert scheint allerdings der sonst sehr einsichtige Ludwig Rubiner zu sein. Man sollte es allerdings nicht vergessen, daß er es war, der den Ruf nach Aktivität der geistigen (wenn ich nicht irre, geschah es zuerst mit dem Essai „Maler bauen Barrikaden" in der tapferen Zeitschrift „Die Aktion") lange vor allen andern erhoben hat. Was er aber neulich in den „Weißen Blättern" (Juni 1916) unter dem Titel „Legende vom Orient" über den Zionismus vorbrachte, strotzt doch allzusehr von sachlichen, objektiv nachweisbaren Irrtümern, um ernst genommen zu werden. Zunächst konfundiert er Martin Bubers besondere Empfindung und Darstellung jüdischer Art mit der praktischen ökonomisch-politischen Grundlage des Zionismus überhaupt, sodann sagt er sowohl über diese Buberschen Leitsätze einer Gruppe als über die von ihnen unabhängige zionistische Weltorganisation so Verkehrtes aus, daß eine Aneinanderreihung von Zitaten zu seiner Widerlegung genügt. Nach Rubiner hat der Zionismus überhaupt nichts geleistet. „Man schaue die Zionisten an: sie sind geweiht, aber es fehlt ihnen jede Intention. Sie wallen, aber sie sind noch nicht einen vorwärtstragenden Schritt gegangen." Da möchte man immerhin fragen, wer die mühsame Organisationsarbeit im Golus, wer die modernen Schulen und Farmen in Palästina usf. errichtet hat. Ferner „raten zionistische Bewegungen den Ostjuden die heilige Bewahrung ihrer Hilflosigkeit an". Rubiner weiß also nicht, daß gerade im Osten die Zionisten als radikale Aufklärer, leider oft allzu „europäisch" und ohne Schonung selbst heilsamer altjüdischer Tradition, vorgehen? Und wenn man es erlebt hat, wie gerade heute die Zionisten .durch Kinderhorte, Ambulatorien, Notschulen, Flüchtlingsfürsorge jeder Art den °stjuden materielle und kulturelle Hilfe aus dem Gefühl der innigsten Verbundenheit leisten, während die literarischen Freunde der Tat im Kaffeehaus sitzen und aktivistische Essais schreiben, — wenn man diese rücksichtslose, verzehrende, 32*

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