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Der Jude · 1916-10-01 · Heft 7 (Oktober 1916) · p. 458

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 7 (Oktober 1916)
Article
Unsere Literaten und die Gemeinschaft
Date
1916-10-01
Page
458 (sequence 2)
Language
German
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458 Max Brod: Preis irgendetwas wollen. — Ein solcher „Voluntarismus" hat allerdings recht, wenn er sich selbst „die Weisheit der Langenweile" nennt. „Lügen sollt ihr nicht" entscheidet Hiller im Prolog seines wirklich so betitelten Buches (Verlag Kurt Wolff, 1913) und fühlt sich dabei dem „aktiven Nihilismus" Nietzsches nahe: „sondern daran festhalten, daß euer einzig sicherer Besitz die Unsicherheit, euer alleiniges Gesetz die Antinomie ist; ein Schuft, wer Unpolares äußert! Aber ein Schlucker, wer darum das Äußern unterläßt. Könnt ihr mit gutem Gewissen nichts propagieren —: süße Freunde (ihr werdet sterben), so propagiert wenigstens euch selbst! Welch eine erquickliche Rasse seid ihr u. s. f." Ich finde diese Rasse des heutigen jüdischen Literaten nichts weniger als erquicklich. Und ich freue mich, daß Kurt Hiller über seinen ersten Standpunkt hinausgekommen ist (der freilich immer noch besser war als mein eigener früherer, ganz unaktiver Standpunkt, den er in seinem Buche zum Teil sehr richtig bekämpft). — Trotzdem ist dieses zweibändige Buch wichtig. Und wer einmal die Geschichte des neuen jüdischen Geistes zu schreiben unternehmen wird, darf an dem ersten Werk Hillers nicht vorbeigehen. Es scheint mir sehr klar zu zeigen, was aus dem von Buber „motorisch" genannten Genius des Juden werden kann, wenn der Motus infolge teilweiser oder gänzlicher Assimilation sein Zentrum, seine Richtung verliert. Es wird zwar noch immer gewollt, aber eigentlich wird nur noch das abstrakte Wollen, die Tat an sich, als wesenlose Idee gewollt, nicht die eine, notwendige Tat, das eine Ziel, aus dem der Wille seinen ganzen Wert ableitet. — Es ist gleichsam die Erinnerung an früheres sinnvolles Wollen der Ahnen, die in diesen jüdischen Gehirnwindungen immer noch gespenstisch herumspukt und sich mit Anstrengung auf sich selbst besinnen möchte. Ein Frosch, der hin- und herspringt, nachdem man ihm den Kopf abgeschnitten hat und der noch aus Zickzack und Kopflosigkeit eine Philosophie macht, mit dem spaßigen Motto „Desennuyez-vous". Doch dieser Krampf der Ziellosigkeit scheint ausgetobt zu haben. Hillers neues Buch heißt ja geradezu „Das Ziel" (Verlag Georg Müller). Ein Sammelbuch mit dem Untertitel „Aufrufe zum tätigen Geist", mit Beiträgen von Rubiner, Joel, Werfet Wolfenstein u. a. Mehr als die „Partei des Geistes", die sich angeblich in den doch recht disparaten Essais aussprechen soll (ich glaube mehr an „Vergeistigung der Parteien" als an eine „Partei des Geistes"), interessiert mich Hillers großer Schlußaufsatz. Litt sein erstes Buch an Ziellosigkeit, so leidet dieses „Ziel" an einem Überfluß von Zielen, denen die notwendige Zusammengehörigkeit und Rangordnung, mithin auch die Hebel systematischer Ausführbarkeit fehlen. Ausgezeichnet in der Polemik, in der heißen Ablehnung des ethisch indifferenten, nur ästhetischen Literaten, kraftvoll und wesentlich in der Formulierung alles Negativen, scheint es mir doch im positiven Aufbau noch nicht sicher genug. Doch es wäre ungerecht, alles auf einmal verlangen zu wollen. Genug, daß Hiller mit dem unfruchtbaren „Nur-aus-Langeweile-Wollen" gebrochen hat. Richtiges Wollen ist eine Kunst, die erlernt sein will. Zumindest muß man lernen, alles wegzuräumen, was dem richtigen Wollen im Wege steht, was sich innerlich immer wieder mit gespielter Aufrichtigkeit zwischen Wollen und Tun einschiebt. Die tiefste aller Einsichten ist es vielleicht, wenn man begreift, daß noch gar nichts damit geschehen ist, wenn man will, daß vielmehr damit die Reihe der Scheingründe, Deckvorstellungen, Ausflüchte vor sich selbst, Hemmungen usf. erst anfängt. Wenn man sich in der Welt der Seelen umzuschaun beginnt, so macht man gerade in dieser Hinsicht die merkwürdigsten

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