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Der Jude · 1916-10-01 · Heft 7 (Oktober 1916) · p. 456

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 7 (Oktober 1916)
Article
Blau-weiß
Date
1916-10-01
Page
456 (sequence 6)
Language
German
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45« Moses Calvary: Blau-Weiß erhielt, viel wesentlicher, als etwa im Wandervogel. Hier finden sich Führer und Wanderer in enger Fühlung zusammen; wenn sie lesen, singen und spielen, wenn sie sich in die jüdische Vergangenheit versenken oder sich jüdische Gegenwart lebendig machen, empfinden sie, auch ohne Beratungen und Diskussionen, den Wert menschlich-jüdischer Gemeinsamkeit, und der einzelne Führer mag in künstlerisch-persönlicher Gestaltungskraft seiner Gruppe den Abend bedeutend und eindrucksvoll ausbauen. Auch die jüdischen Feste gewinnen eine neue Form. Wie im Mittelalter, als das Judentum noch lebendig war, sich der Festesritus in Wort und Form ständig neu belebte, so feierten wir einmal auf einer Blauweißfahrt in der Einsamkeit des Gebirges ein Chanukahfest, an dem Abend für Abend nach dem Entzünden der Lichter ein Abschnitt aus den Makkabäerbüchern vorgetragen ward und am letzten Abend auf einem Bergesgipfel, in Eis und Schnee, das besiedelte Tal unter uns, die Höhen um uns, die acht Feuerstöße flammten und Herz und Sinn der Jugend mit lebendigem Judentum erfüllt ward. Anderswo beging man einen Blauweiß-Seder, im Anschluß an die Hagadah, und doch durch neuartige Betrachtung und Mahnung, durch künstlerische Belebung persönlich gefärbt, wie sich ja auch die alte Hagadah nicht auf den Auszug aus Ägypten unmittelbar beschränkt, so daß man sich ihrem Worte getreu fühlen konnte: wer da viel zu erzählen hat vom Auszug aus Ägypten, fürwahr, der ist lobenswert. Neben der Gestaltung der Gegenwart gilt es die Versenkung in die Vergangenheit; das neue Gefühl, in der Natürlichkeit des Wanderdaseins wenn auch nicht erzeugt, so doch gesteigert, mit dem der Einzelne heute sich innerlich genötigt sieht, die entscheidenden Momente des Altertums zu wählen und zu werten, sucht seinen Ausdruck. Ein Lebensprozeß, der schon in der spätbiblischen Zeit begonnen hat, wird hier revidiert. Gestalten des vorgesetzlichen jüdischen Heldenzeitalters werden der Jugend lebendig, und auch in der dunklen Epoche, die zwischen Esra und der Mischna liegt, sucht sie die von der Tradition fast verschütteten Trümmer eines jüdischen Heldentums. Ich denke hier an erste Versuche der Jugendführer, sich nach ihrer eigenen Anschauung in Rede und künstlerischer Gestaltung alt jüdische Helden wiedes. vertraut zu machen. Schon die ersten Anzeichen eines solchen Strebens haben freilich Widerspruch hervorgerufen: es wird ihnen gegenüber betont, daß hier ein germanisches Heldenideal schematisch übernommen werde. Aber das heißt das Germanentum so gut wie die moderne Bewegung verkennen. Keineswegs waren für die Deutschen etwa vom 14. bis zum 18. Jahrhundert selbst Gestalten wie der Siegfried oder Dietrich der alten Sage ein Ziel des Strebens, erst mit der Romantik begann dunkel ein Verständnis für sie, und im Grunde sind sie erst während der letzten Jahrzehnte für die Jugend zum Leben erwacht; eben auf jenem Wege, jenem europäischen Wege der inneren Gesundung und des Natürlich-Werdens, dem auch die jüdische Jugend sich nicht entziehen kann, wenn anders die Strebungen unserer Zeit sie überhaupt erfassen sollen. So sucht sie den jüdischen Helden, ihren Helden. 7' Eine Bewegung wie die des Jugendwanderns war in der vorzionistischen Zeit nicht möglich. Denn wenn wir einmal vom Zionismus seine reinpolitisch bestimmten Ziele wegdenken, so bleibt als Grundkern, in jenen Zielen von Anfang an sichtbar, noch ein Ziel übrig: Vermännlichung des Judentums. Und eben dieses, auf die Ausgestaltungkräftig persönlichen Lebens gerichtet, fand im Wandern eine seiner Formen.

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