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Der Jude · 1916-10-01 · Heft 7 (Oktober 1916) · p. 455

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 7 (Oktober 1916)
Article
Blau-weiß
Date
1916-10-01
Page
455 (sequence 5)
Language
German
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Blau-Weiß 455 war vielmehr ein Ausscheiden als ein Gestalten. Selbst die meines Wissens erschütterndste Darstellung dieses Kampfes — ich denke an einige Kapitel von Hermann Burtes Wiltfeber — läßt das nachfühlen. Anders der junge jüdische Führer. Er sieht sich einem Judentum gegenüber, das an seinen tiefsten Instinkten irre geworden ist, an seinen Einzelbegabungen zu ersticken droht, in zielloser Irre, entgottet, zerfetzt, ohne Halt dem Tage, dem Ich, dem Einzelziele lebt. Er kann sich nicht als Arzt, als Prophet fühlen; denn ihm ist selbst durch seine Erziehung die Sicherheit geraubt, die das Gefühl der Geborgenheit in einem Volksganzen gewähren würde. Der Wanderbund schenkt ihm einen Ersatz; sein Streben, sein Wille zu schöpferisch jüdischer Gestaltung kann hier fruchtbar werden. So bildet sich ihm Judentum und Wandergemeinschaft in eins; aus jüdischem Kulturwillen strebt er zu jüdischer Wandergemeinschaft, aus jüdischer Wandergemeinschaft zu jüdischer Kultur, weil hier der ganze jüdische Mensch in seiner Gemeinschaftssehnsucht erfaßt wurde. 6. Es könnte zweifelhaft scheinen, ob ein jüdischer Kulturwille gerade an der Wanderbewegung erwachsen kann. Lebten wir doch noch bis vor kurzem des Glaubens, daß gerade die Vertiefung in die geistigen Probleme der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart unsere Jugend wieder in ein Verhältnis zum Judentum bringen könne, und nichts scheint dem Wandertrieb stärker zu widersprechen. Kann doch auch das Hineinwachsen in die deutsche Landschaft und in gewissem Sinne in das deutsche Volkstum, — zugegeben selbst, daß diese Landschaft, dieses Volkstum aus jüdischem Auge, aus jüdischem Instinkte erlebt werde, — schwerlich unmittelbar zu dem Aufbau einer äußeren oder inneren jüdischen Welt führen. Und wirklich findet eine solche Entwicklung, wie es scheint, erst auf einem Umwege statt. Einem natürlichen und durchaus wünschenswerten Umwege, dem über die einzelnen Persönlichkeiten, die der Wandersinn erfaßt hat. Denn wandern heißt, für uns zum mindesten, gesunden; es ist eine von den Formen, mit denen wir die uns verstrickende Epoche einer leeren Geistigkeit überwinden können. Indem der Einzelne ein natürlicheres Verhältnis zur Umwelt gewinnt, als es früheren Generationen beschieden war, indem Sinne, Körperlichkeit, Diesseitigkeit, persönlicher Mut eine größere Bedeutung für sein Dasein gewinnen, muß sich auch seine Stellung zum Judentum verschieben. Eine solche Verschiebung hat sich ja seit Jahrzehnten vorbereitet. Als in der Palästinabewegung im Zionismus außerreligiöse jüdische Kräfte an unserm Werke schufen, war diese Bahn schon betreten. Da Martin Buber uns auf das unterirdische Judentum vergangener Zeiten hinwies, auf jenes Judentum, das außerhalb der Gesetzlichkeit verlief, und dessen Höhepunkt er im Chassidismus erblickte, wurde sie innerhalb der besonderen jüdischen Religiosität als längst vorhanden aufgewiesen. Wenn heute die wandernde Jugend einen Weg zur Erlösung der Persönlichkeit aus unfruchtbarem Intellektualismus gefunden hat, so muß der Einzelne auch in seiner Auffassung jüdischer Vergangenheit so gut wie in seinem Willen nach der Form jüdischer Gegenwart von dieser Umwertung bestimmt sein. Der junge Jude, der aufgehört hat, in künstlerischer Kritik seinen wesentlichen geistigen Lebensinhalt zu sehen, der durch den Zusammenhang mit der Natur eine tiefere Sehnsucht nach menschlicher Ganzheit empfinden gelernt hat, ist bemüht, die Fülle seines Erlebens auch in sein jüdisches Dasein strömen zu lassen. So geschah es, daß im Blauweiß neben dem Wandern der Heimabend eine wesentliche Bedeutung

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