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Der Jude · 1916-10-01 · Heft 7 (Oktober 1916) · p. 454

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 7 (Oktober 1916)
Article
Blau-weiß
Date
1916-10-01
Page
454 (sequence 4)
Language
German
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454 Moses Calvary: natürliches Wandern gepflegt werde. Und es ist kein Zufall, daß noch heute gerade solche Gruppen, die dem Grundsatz der strengsten Auslese der jungen Wanderer nach ihrem menschlich-persönlichen Werte verfechten, im allgemeinen auf diesem Standpunkt stehen. Sie wollen vor allem den Einzeljuden menschlich erhöhen. Aber es konnte nicht ausbleiben, daß man im Laufe der Blauweißentwicklung ein engeres Band zwischen beiden Zielen zu knüpfen suchte und so dazu kam, sie wie Mittel und Zweck aufzufassen: man wandere, um das jüdische Gemeinschaftsgefühl zu vertiefen, Gewiß ist auch das zum Teil wahr, die jüdische Jugend soll wandern, damit der Einzelne, menschlich gefördert, ein wertvolleres Mitglied unserer Gemeinschaft werde. Aber in den Mittelpunkt der Blauweißarbeit gestellt, wäre diese Auffassung gefährlich und völlig unzureichend. Es gibt nämlich Mittel, gute Mittel zu einem guten Zweck, die aufhören, geeignete Mittel zu werden, sobald wir uns ihrer als Mittel bewußt sind. Ein Führer, der das Wandern nur als Mittel zu einem vertieften Judentum empfände, taugt nicht zum Führer. Er muß sich vielmehr der Natur und den Wanderfreuden rein und unbefangen in künstlerisch-menschlichem Genuß hingeben können, um die Jugend wirklich fördern zu können. Ja, man könnte mit mehr Recht geradezu den Spieß umkehren und die ein wenig paradox klingende Losung ausrufen: wir pflegen die jüdische Gemeinschaft, um wandern zu können. Klafer ausgedrückt: Wir brauchen die jüdische Gemeinschaft, weil unsere Jugend nur in ihr ihre menschlichen Werte ungestört von allen Hemmungen entfalten kann. Ganz wahr ist aber auch das nicht. Es scheint unmöglich, in einwandfreier Weise die beiden Ziele des Blauweiß in Beziehung zueinander zu setzen. Sie fallen theoretisch auseinander, gerade weil der Blauweiß ihr Ineinander zur Voraussetzung hat. Das gemeinsame Wandern, mit all seinen menschlichen Werten, ist einfach eine Form unseres Judentums, genau so wie es die religiösen und die neuerstehenden nationalen Formen sind. Nach solchen Formen sucht ja der jüdische Wille, seitdem er seiner selbst wieder bewußt geworden ist. Wir brauchen uns nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, daß diese Form ja nicht eigentlich jüdisch ist. Das gilt ursprünglich von vielen, wenn nicht von allen Formen. Sie wird dadurch jüdische Form, daß wir sie in unser Judentum aufnehmen und verarbeiten. Und weil der Blauweiß eben jüdische Form ist, muß er als Selbstzweck empfunden werden, genau wie die religiöse Form, wenn er für die Persönlichkeit und die Gemeinschaft wirklich wertvoll werden soll. Blauweiß ist für den jungen Juden ein Stück Judentum, ohne daß er lange daran herumzugrübeln braucht. 5- Nicht davon kann die Rede sein, daß diese Jugend nun das neue Judentum aus sich und ihren Jugend trieben heraus schaffen könne. Auch Siegfried Bernfeld, der die Selbständigkeit und den Eigenwert der Jugend in diesen Blättern stark betont hat, hebt hervor, wie die Sehnsucht nach jüdischer Jugendgemeinschaft in das Verlangen nach jüdischen Führern und Meistern, nach jüdischer Kultur münden müsse. Aber das Führerproblem selbst ist bei uns ein anderes als in den verwandten deutschen Bünden. Der Führer selbst ist ein Suchender. Gewiß spüren wir auch in der Führerschaft des Wandervogels ein inneres Ringen, auch sie mußten sich ihres Deutschtums erst bemächtigen, vom Volkslied, der Kunst, der Volkskunde, der Landschaft aus. Aber sie fanden doch ein starkes, anschauliches, lebhaft geformtes Deutschtum vor und hatten eigentlich nur Stellung zu nehmen. Ihr innerer Kampf

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