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Der Jude · 1916-10-01 · Heft 7 (Oktober 1916) · p. 453

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 7 (Oktober 1916)
Article
Blau-weiß
Date
1916-10-01
Page
453 (sequence 3)
Language
German
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Blau-Weiß 453 Wandern — von der Stimmung des deutschen Wandervogels erfüllt — ward von der Jugend blindlings, unmittelbar, so wie es eben war, als Form jüdischer Jugendgemeinschaft hingenommen und ausgebildet, sie erlebten im Wandern ihr Judesein. Da war kein Problem mehr: das Wandern sei doch deutsch, wie könne es die Intensität unseres Judentums steigern? — sondern es war eben der jüdische Blauweiß, als solcher von jüdischen Gemeinschaftskräften getragen. Und jüdische Kräfte werden ihn aufbauen. Denn wenn es einst auch für uns darauf ankam, unsere deutschjüdische Seeleneinheit rückhaltlos zu bejahen, in ihr uns zurechtzufinden, ja sie in gewissem Sinne zu steigern und zu vertiefen, so erhebt sich dringend nun die ergänzende Forderung, uns nicht mit der Feststellung zu begnügen, daß irgendwie Judentum in uns vorhanden ist, sondern die jüdischen Tendenzen innerhalb des ihnen gegebenen Rahmens zu jüdischen Erlebnissen reifen zu lassen. 4. Wenn aber Judentum und Menschentum uns auch nicht mehr als Gegensatz lebendig werden, so kann die scheidende Betrachtung doch nicht umhin, innerhalb der Erziehungsarbeit des Blauweiß diese beiden Ziele, nicht als gegeneinander, sondern als mit- oder nebeneinander wirkend zu erkennen: eine Erziehung zu allgemein menschlichen Werten, zur Naturnähe, zur Jugendfreude, zu Mut und Tatkraft, zu sittlicher Einordnung, und daneben die Erziehung zu einer vertieften jüdischen Gemeinschaft. Probleme und Gegensätze, die innerhalb des Blauweiß zwischen einzelnen Gruppen auftauchten, sind im Grunde auf eine verschiedene Auffassung von dem Verhältnis dieser beiden Ziele zueinander zurückzuführen. Hugo Bergmann hat es an dieser Stelle ausgesprochen: „Alles Menschliche muß bei uns heimisch werden, alles Jüdische durchpulst sein vom Blute gelebten Menschentums. " Sobald man aber versucht, aus dieser notwendigen Verschlingung jüdischer und menschlicher Werte etwa eine programmatische Anwendung auf das jüdische Wanderleben zu machen, gerät man in nicht geringe Verlegenheit. Es erscheint kaum möglich, unser Landschaftsempfinden in eine tiefere Verbindung mit dem Jüdischen in uns zu bringen. Es wird ja behauptet, daß dieses Landschaftsempfinden, an das ich denke, etwas spezifisch deutsches sei. Nur der Deutsche wandere eigentlich. Darin liegt gewiß etwas Richtiges. Die Wanderbewegung ist keine europäische, sondern gerade eine deutsche Erscheinung, und der Unterschied des Wandervogels von dem Boyscout ist in der Tiefe des Volkstums begründet. Und wir selbst sind so stark in der deutschen Bewegung aufgewachsen, daß ich einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Blauweiß und dem Wandervogel gerade in der Art des Wanderns nicht zu entdecken vermag. Gewiß mag es sein, daß die Empfindung des Juden der Landschaft gegenüber mehr allgemein ästhetisch ist, daß die jüdischen Jungen im allgemeinen wenig geneigt sind, auf Einzelheiten in der Natur zu achten. Selbst das zugegeben — in Wahrheit gibt es auch unter den nichtjüdischen Jungen solche Verächter des Kleinlebens — so scheint es mir kein erstrebenswertes Ziel zu sein, gerade diese jüdische Eigenart zu pflegen. Im Gegenteil, die ghettohafte Naturferne, die in ihr liegt, soll durch das Wandern überwunden werden. Als der Blauweiß gegründet wurde, war man denn auch von einer solchen Zielsetzung weit entfernt. Man vertrat vielmehr die Anschauung, das bewußte Hinarbeiten auf die jüdische Gemeinschaft könne in der Praxis des Blauweiß ruhig hintangesetzt werden. Das jüdische Ziel ergebe sich von selbst, wenn nur rechtes

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