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Der Jude · 1916-10-01 · Heft 7 (Oktober 1916) · p. 452

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 7 (Oktober 1916)
Article
Blau-weiß
Date
1916-10-01
Page
452 (sequence 2)
Language
German
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452 Moses Caivary: Personen, die eine Familie, und Familien, die eine Gemeinde bildeten: im übrigen war der Einzelne ganz und gar in die unjüdische Umwelt verflochten. Auch die neuen Vereine, die aus der Familie, ja aus der stets nur lose bindenden Gemeinde heraustraten, umfaßten meist nur einen kleinen Bruchteil des Menschen. Anders die Wanderbewegung. Wenige Formen binden so stark wie tage- oder wochenlange gemeinsame Wanderschaft. Hier entsteht ein Gemeinschaftsbewußtsein, das ruhig der Bindung durch die Familie verglichen werden kann. Gemeinsame Erlebnisse, gegenseitige Hilfe in gemeinsamen Nöten, das Gefühl, einer gemeinsamen Idee zu dienen: das alles kettet die jugendlichen Menschen aneinander und an das Judentum, das sie zusammenschließt. Ein Ersatz für persönliche religiöse Erlebnisse des Einzelnen kann das Wandern nicht sein, will mit ihnen gar nicht verglichen werden; aber wie einstmals im Judentum außerreligiöse Bindungen bestanden, Bindung des Staates im Altertum, Bindungen des Ghettos, der Wirtschaftsform, der gemeinsamen Erinnerungen und Hoffnungen im Mittelalter, Bindungen der Sprache, des Gegensatzes gegen die andern, mancher Lebensgewohnheiten noch vor hundert Jahren und bis in die Gegenwart hinein, — so ist hier wieder ein neuer Anfang gegeben. Im Wandern und durch das Wandern sich seines Judentums bewußt werden, das bedeutet eine Vertiefung des Gemeinschaftslebens, die schon heute in der wandernden Jugend den Wunsch erzeugt hat, sich des historischen Judentums zu bemächtigen: sie lernt hebräisch, sie will die Feste erneuen, sie beginnt, sich in die Geschichte des Judentums zu vertiefen. Das ist noch keine aufbauende Arbeit, es sind Anfänge, als solche notwendig, nützlich; erst die Zeit wird lehren, ob fruchtbare Gemeinschaftswerte hier entwickelt werden. 3- Es ist Dezeichnend für das tiefe Ineinander geschichtlicher Tendenzen, wie gerade aus der Wanderbewegung eine solche jüdische Vertiefung entstehen konnte. Denn es kann wohl kein Zweifel sein, daß der Trieb zur Wandergemeinschaft aus ganz anderen Quellen gespeist wurde. Es ist der Wille der gegenwärtigen Jugend überhaupt, ein Leben in Jugendgemeinschaften zu führen. Aber es gibt im geschichtlichen Leben keine isolierten Tendenzen, die nun rein wie eine mathematische Formel aus der Verflochtenheit des Daseins sich herauslösen ließen. Indem die jüdische Jugend sich zu jüdischen Wandergemeinschaften zusammenfand, war sie gleichzeitig von jenem Willen eines intensiveren Judentums ergriffen, der die Gegenwart beherrscht. Dies Ineinander von allgemeinen und jüdischen Tendenzen steht ja seit langem als Problem vor uns. Es beherrschte die vorige Generation und führte immer wieder zu der theoretischen Lösung: das Menschliche erlebten wir eben in der Form des Jüdischen. Noch Achad Haam predigt das immer wieder. Aber die Lösung ist allgemach leer geworden, formelhaft und für unser Erleben nicht mehr zeugungskräftig. Das ist ja gar nicht unser Problem mehr: Menschentum und Judentum zu vereinigen; wir spüren kaum noch den Gegensatz. Eher geht uns schon die spätere Problemstellung an: wir wurden uns bewußt, daß wir alles Menschliche im wesentlichen nicht rein gedanklich, daß wir es mittelbar, geformt, farbig, daß wir es als Deutsche empfingen, und „Deutschtum und Judentum", so schien vielmehr das Problem unseres Lebens zu heißen. Wir erlebten im Innersten deutsche Dichtung, deutsche Kunst, deutsche Wissenschaft: und demgegenüber galt es, sich seines Judentums zu versichern. In der jungen Wanderbewegung sehe ich schon einen Schritt darüber hinaus. Denn das

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