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Der Jude · 1916-10-01 · Heft 7 (Oktober 1916) · p. 447

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 7 (Oktober 1916)
Article
Zur Reform des ostjüdischen Handwerks
Date
1916-10-01
Page
447 (sequence 9)
Language
German
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IRI
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Zur Reform des ostjüdischen Handwerks 447 Handwerkerstand ist einer der beiden Eckpfeiler des Ostjudentums, und wahrlich nicht der schwächste. Der zweite ist der Handelsmittelstand. Baal-habajis und Baal-melocho — sie sind die in Jahrhunderten erprobten und bewährten Träger des geschichtlichen Volkstums. Es handelt sich offenbar um die Lebensfrage des ostjüdischen Handwerks. Die bevorstehende katastrophale Umwälzung wird es im Zustande der Erschöpfung finden. Würde es auch in den günstigen äußeren Verhältnissen die überaus knapp bemessene Umlernzeit sehr teuer zu bezahlen haben, so ist jetzt die Befürchtung nicht von der Hand zu weisen, daß das östliche Handwerk in seinem gegenwärtigen Schwächezustand überhaupt nicht die Kraft zur Selbsterneuerung findet. Ist dies der Fall, dann fällt der selbständige ostjüdische Handwerkerstand rettungslos der Proletarisierung*) anheim. Was dies aber für das Ostjudentum bedeuten wird, wissen wir: ein soziales Verhängnis und eine nationale Katastrophe. Es gilt das ostjüdische Handwerk wiederstandsfähig zu machen. Es gilt, alle jene Krebsschäden, die seit Jahr und Tag an seinen Lebenswurzeln nagen, mit tatkräftiger Hand zu beseitigen. Es gilt dem historisch gewordenen Schlendrian, der Verwahrlosung, der Herrenlosigkeit ein Ende zu machen. Ich wiederhole: es ist Erschöpfung und nicht organisches Siechtum, an dem der lebensfähige Organismus des ostjüdischen Handwerks krankt. Er bedarf des wirksamsten Schutzes und der liebe- und einsichtsvollen Pflege. Woran es ihm im einzelnen gebricht, haben wir gesehen. Was nun zu geschehen hat, darüber kann kein Zweifel herrschen. Es muß aller Segnungen moderner sozialpolitischer Fürsorge teilhaftig werden, wie das deutsche, das österreichische oder das französische Handwerk. Es ist hier nicht der Ort, einen ausführlichen Reformplan darzulegen. Er kann hier nur in weiten Umrissen entworfen werden, soweit er sich aus den vorausgegangenen Betrachtungen und Erwägungen unmittelbar ergibt. Die von mir hier unterbreiteten Grundsätze zur Reform des ostjüdischen Handwerks erstrecken sich auf drei verschiedene Gebiete: die Reform der inneren Verfassung, des Ausbildungswesens und des Kreditwesens. Angriffspunkt der Reform ist die Verfassungsfrage, in erster Reihe das Innungswesen. Das Innungswesen ist im ostjüdischen Handwerk nur zu einer höchst kümmerlichen und sporadischen Ausbildung gelangt. Fachvereine von recht untergeordneter Bedeutung gibt es wohl in den Großstädten Polens und Litauens, allein in der Provinz sind sie völlig unbekannt. Oder doch: Berufsgemeinschaften bestehen Litauen übersteigt nicht 8—12 Rubel! — sich nur in den allerseltensten Fällen dazu entschließt, von dem dem jüdischen Handwerker gewährten Vorrecht der Freizügigkeit Gebrauch zu machen und nach dem weit günstigere Arbeitsverhältnisse aufweisenden Innern Rußlands abzuwandern! _ *) Diese wird in den neuen Verhältnissen viel schneller vor sich gehen, als es bisher der Fall war. Der Mangel an Freizügigkeit, die Konkurrenzunfähigkeit gegenüber dem nichtjüdischen Fabrikarbeiter, die religiös-kulturellen Gegensätze — all diese Momente, die den Proletarisierungsprozeß des ostjüdischen Handwerkerstandes bislang hintangehalten haben, werden nunmehr unwirksam werden. In der über eine Million ausländische Arbeiter beschäftigenden deutschen Großindustrie ist auch für den ostjüdischen Handwerker Platz genug da. Tausende von ost jüdischen Arbeitern haben bereits jetzt in reichsdeutschen Großbetrieben Arbeit gesucht und gefunden.

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