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Der Jude · 1916-10-01 · Heft 7 (Oktober 1916) · p. 446

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 7 (Oktober 1916)
Article
Zur Reform des ostjüdischen Handwerks
Date
1916-10-01
Page
446 (sequence 8)
Language
German
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446 Leo Rosenberg: So verhielten sich die Dinge bis zur Zeit des Kriegsausbruchs. Der Weltkrieg setzte einem fast ein halbes Jahrhundert währenden wirtschaftlichen Entwicklungsprozeß ein jähes Ende. Nach den wiederholten Kundgebungen des leitenden Mannes des Deutschen Reiches kann wohl das politische Schicksal der besetzten Gebiete im Osten, namentlich Polens und Litauens, nicht mehr zweifelhaft sein. Diese Länder werden ein integrierender Bestandteil Mitteleuropas, in engster politisch-wirtschaftlicher Verbindung mit Deutschland und Österreich-Ungarn. Damit ist aber, aller menschlichen Voraussicht nach, auch die Entscheidung über die künftige Gestaltung des wirtschaftlichen Charakters dieser Länder, Polens vor allem, gefallen. Kongreß- Polen steht vor einem ökonomischen Rückbildungsprozeß, wie ihn die gesamte Wirtschaftsgeschichte nicht kennt. Durch die Zollvereinigung mit den Zentralmächten und eine Zollgrenze gegen Rußland wird es einerseits seinen vornehmsten industriellen Absatzmarkt einbüßen, anderseits aber wird seine gegenwärtige industrielle Entwicklungsphase unverwandt mit einer viel höheren Stufe produktiver Entfaltung zusammenprallen, der gegenüber es sich nicht behaupten wird. So wird es den Osten hinter sich, den Westen aber vor sich lassen müssen. Für Polens verheißungsvolle Großindustrie eine bedenkliche Situation. Und für das Handwerk? Auch das ostjüdische Handwerk muß eine Zollgemeinschaft mit dem Westen und Zollgrenze nach Osten schwer treffen. Denn einerseits wird auch das ostjüdische Handwerk die innerrussischen Absatzgebiete, auf das es in immer steigendem Maße angewiesen ist*), verlieren, während es anderseits dem elementaren Ansturm der westlichen Großproduktion und einer überlegenen Technik schwerlich gewachsen sein dürfte. In Deutschland und Österreich selbst bedurfte es einschneidender sozialpolitischer Maßnahmen, um das nationale Handwerk widerstandsfähig zu machen. Es ist naheliegend, daß im Osten das Interesse der genannten Mächte an der Verbreitung ihrer eigenen Industrieerzeugnisse viel stärker hervortreten würde, als das an der Erhaltung des fremden Handwerks. Allein auch die Voraussetzung eines höchsten Maßes von Selbstlosigkeit und Wohlwollen vermag uns nicht der Pflicht zur eigenen Arbeit zu entheben. Es ist dafür gesorgt worden, daß wir Ostjuden nicht Gegenstand einer fremden Schulpolitik werden. Es muß in gleichem Maße dafür gesorgt werden, daß wir nicht Objekt fremder Sozialpolitik werden. Wir stehen hier vor einer Aufgabe, die im höchsten und elementarsten Sinne als eine nationale bezeichnet werden muß. Wir wissen, welchen Platz der ostjüdische Handwerker im ostjüdischen Volkstum einnimmt und was er für die Erhaltung des letzteren bedeutet. Der jüdische Handwerker bildet im Ostjudentum in gewissem Sinne einen Ersatz für den mangelnden jüdischen Bauer, Ihm eignen alle jene gesellschaftserhaltenden und festigenden Kräfte und Eigenschaften, die sonst dem bodenständigen Bauerntum innewohnen**). Der ostjüdische _ *) Im Zusammenhang!mit der Ausbildung_des Verlagssystems hat im letzten Jahrzehnt eine steigende Ausfuhr von Handwerkserzeugnissen aus dem Ansiedlungsgebiet nach den innerlichen Gouvernements stattgefunden. Eine diesbezügliche sehr lehrreiche tabellarische Zusammenstellung verdanken, .wir dem jüdischen Wirtschaftsstatistiker Dr. S. Margolin (im Jahrg.~i9o6 des „Rasswjet"). Danach fanden nicht allein Industrieartikel, sondern auch Erzeugnisse der jüdischen Schneider, Schuhmacher, Tischler, Drechsler, Strumpfwirker u. a. ini A.-G. im Kaukasus, Dongebiet und Sibirien weite Verbreitung. ~**)~Es ist für den sittlichen Charakter des ostjüdischen Handwerkers doch im höchsten. Maße bezeichnend» daß er trotz der unsagbar ungünstigen Lebensbedingungen im Ansiedlungsgebiet"— das wöchentliche Höchstverdienst eines jüdischen Handwerkers in Polen und

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