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Der Jude · 1916-10-01 · Heft 7 (Oktober 1916) · p. 445

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 7 (Oktober 1916)
Article
Zur Reform des ostjüdischen Handwerks
Date
1916-10-01
Page
445 (sequence 7)
Language
German
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Zur Refurm des ostjüdischen Handwerks 445 Die sich auftuende soziale Kluft wird durch die nunmehr zu schärfster Ausprägung gelangende kulturelle Diskrepanz zwischen der alten und der jungen Generation unheilbar vertieft. Geselle, Lehrling und Meister, bisher durch die zusammenschweißende Macht des religiös-völkischen Empfindens geeinigt, stehen sich nun als Feinde gegenüber. Das Chaos beginnt. Nun erweist sich die „Freiheit" als verhängnisvoll. Durch keine öffentliche Gewalt eingedämmt und in die berechtigten Schranken gewiesen, arteten die Gegensätze bald zu einem rein destruktiven Faktor aus. In Ermangelung aller öffentlichen Normierung entstand aber bald jener Zustand der Verwahrlosung und Anarchie, in dem das ostjüdische Handwerk noch heute verharrt. Um diesen Zustand zu charakterisieren, genügt es, darauf hinzuweisen, daß das ostjüdische Handwerk ohne jegliche Verfassung und soziale Hilfsorganisation dasteht. Unbekannt sind da Innungswesen und Befähigungsnachweis, öffentliche Regelung des Lehrlingswesens; ferner Unfall- und Altersversicherung. Es gibt keine öffentliche Kontrolle und keine Aufsichtsbehörde. Auf der anderen Seite keine Erleichterung des Kreditgebens, keine Möglichkeit technischer Aufklärung und technischen Fortschrittes. Die Folgen waren Mangel an Gemeingeist, an Standes-Ehrgefühl, Zerrüttung des Lehrlingswesens, fortwährende Reduzierung und berufliche Verelendung des Nachwuchses, technische und geschäftliche Rückständigkeit. Dazu tritt nun, durch obige Umstände noch begünstigt, die steigende Konkurrenz des nichtjüdischen Handwerks. Bedenkliche Keime eines Depossedierungsprozesses machen sich auch auf dem bodenständigen Gebiet des jüdischen Handwerks bemerkbar. Wird der jüdische Handwerker durch den nicht jüdischen verdrängt, so wird innerhalb des jüdischen Betriebes selbst der jüdische Geselle und Lehrling durch den nicht jüdischen ersetzt! Daß das ostjüdische Handwerk in derartigen Verhältnissen überhaupt noch Bestand haben und noch, wie bemerkt, eine absolute Ausdehnung erfahren konnte, daß der unzweifelhafte Auflösungsprozeß, in dem es sich gegenwärtig befindet, nicht noch rapider, unaufhaltsamer vor sich geht — ist wohl einzig und allein der großen Gunst der äußeren Verhältnisse zu verdanken. Die allgemeine Rückständigkeit der wirtschaftlichen Entwicklung und das langsam schleichende Tempo des industriellen Fortschrittes sind seine Rettungsanker. Noch bleibt das ostjüdische Handwerk von den Todfeinden des Handwerks im Westen Europas verschont. Die im Westen mit Riesenschritten um sich greifende kapitalistische und genossenschaftliche Konzentration der Produktion hat im Osten erst begonnen. Fortschritte rein technischer Natur, die im Westen eine ganze Reihe altehrwürdiger Gewerbe von der Oberfläche verschwinden ließen, sind in dem Ansiedlungsrayon noch nicht genügend bekannt. Auch alle Plagegeister des westlichen Handwerks, die zwar still und langsam, jedoch unausgesetzt an seinen Lebenswurzeln nagen, wie Submissionswesen, Konsumvereine, Warenlager, Hausierhandel, Warenhäuser, Abzahlungsgeschäfte, Filialwesen, Partiewarengeschäfte, Rabattgesellschaften, ferner Militär- und Gefängnissrbeit — all das, worunter das westliche Handwerk stöhnt, hat dem ostjüdischen Handwerk bislang noch nicht zu schaffen gemacht. Auf dem Wege zur Großproduktion war das ostjüdische Handwerk hier und da eben beim Verlagssystem angelangt. Es ist bislang nicht erheblich über jene Phase hinausgekommen, in der sich das deutsche Handwerk zu Beginn des 19. Jahrhunderts befand.

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