Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1916)
- Article
- Zur Reform des ostjüdischen Handwerks
- Date
- 1916-10-01
- Page
- 443 (sequence 5)
- Language
- German
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Zur Reform des ostjüdischen Handwerks 443 Wenigstens wurde dies auf der erwähnten Petersburger Konferenz der „Gesellschaft zur Verbreitung von Handwerk und Landarbeit unter den Juden*' von einer — durchaus sachkundigen — Seite behauptet. Auf diesen Umstand wollte man nämlich die scheinbar in steter Abnahme begriffene Zahl der jüdischen Lehrlinge zugunsten der nichtjüdischen zurückführen; der jüdische Lehrlingsnachwuchs halte angeblich mit der fortschreitenden Entwicklung des jüdischen Handwerks nicht Schritt. Trifft auch diese Erklärung in keiner Weise zu, ist vielmehr die zahlenmäßige Verminderung des jüdischen Lehrlingselementes eine absolute — so ist die Ausgangstatsache in der angedeuteten Einschränkung durchaus gelten zu lassen. Allerdings erfährt der selbständige jüdische Handwerkerstand im Osten infolge der immer drohender werdenden Konkurrenz des nichtjüdischenHandwerks, hauptsächlich aber infolge der Auswanderung, eine fortwährende Reduzierung. Allein diese Reduzierung ist keine absolute. Der Organismus des ostjüdischen Handwerks ist trotz aller Ungunst der Verhältnisse im Wachsen begriffen. Dies zeugt für die ihm innewohnende ungebrochene Vitalität. Die ihm anhaftenden, seine gesamte Existenz gefährdenden Gebrechen sind mehr der Ausdruck eines Erschöpfungszustandes, als organische Entartungserscheinungen. Es gilt nun, die oben angedeuteten Symptome zu einer allseitigen Diagnose zu erweitern. Vergleicht man die gegenwärtigen Verhältnisse im ostjüdischen Handwerk mit denen, die etwa um 1869, die Entstehungszeit der neuen Gewerbeordnung des Norddeutschen Bundes, im deutschen Handwerk herrschten, so muß der Zustand des letzteren, so schlimm und verworren er auch war, geradezu als klassisch bezeichnet werden. Und doch sind die schreienden Mißstände im deutschen (und gesamten mitteleuropäischen) Handwerk um diese Epoche, von denen ungezählte Protokolle und Petitionen Zeugnis ablegen, der Ausfluß einer verfehlten Sozialpolitik in einem Zeitraum von etwa sechs Jahrzehnten. Das alte Zunftwesen hatte gewiß seine schweren Nachteile, allein diese sind überall anders als auf dem eigenen Gebiet des Handwerks zu suchen. Hier wies es Leistungen auf, die. von keiner anderen Gewerbeverfassung erreicht werden konnten. Ihm gelang es, durch eine vortreffliche Regelung des Lehrlingswesens das Handwerk zu einer außerordentlichen Leistungsfähigkeit zu bringen. Die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in fast sämtlichen Alter der jüdischen Lehrlinge von 10-12 J.|von 13—15 J.j 16—? J. nicht festgesetzt Lehrzeit | 1 Jahr | 2 Jahre j 3 Jahre ) 4 Jahre I2»90%! 63,2% 23,9% 30% 1 14,2% | 15 0/0 | 28,80/0 I 12 % Beruf der Eltern Handwerker | Kleinhändler j Fuhrleute [ Diener j Arbeiter 1 Kantoren, Melamdira, I! Synagogendiener | Lehrer 54,6% 1 20,6 o/0! 9,9 o/0 1 5,7% 1 4,9% 1 3,2%! 1,1% Vcn 1409 Lehrlingen waren 104 nicht jüdische, mithin 7,4% der Gesamtzahl 90% der nichtjüdischen Lehrlinge sind Polen. 73% der nichtjüdischen Lehrlinge entfallen auf die drei Berufe der Buchbinderei, Schneiderei und Schuhmacherei"? Eine umfassende Erhebung über die Verhältnisse im Warschauer jüdischen Handwerk wurde vor kurzem durch die 22 Fachvereine mit mehreren tausend Mitgliedern umfassende „Zentrale jüdische Handwerkerorganisation der Residenz Warschau" (später i,Handwerkerklub*1) eingeleitet. Man darf den Ergebnissen mit Spannung entgegensehen. 31*