Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1916)
- Article
- Zur Reform des ostjüdischen Handwerks
- Date
- 1916-10-01
- Page
- 442 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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442 Leo Rosenberg: ungünstig ist. Endlich aber ist in letzter Reihe auch der Umstand der steigenden Konkurrenz des nichtjüdischen Handwerks in Betracht zu ziehen. Was namentlich das Lehrlingswesen betriff t, wird die Tatsache der wachsenden Verdrängung des jüdischen Lehrlings durch den nichtjüdischen allerwärts zugegeben. Hier wirkt offenbar ein rein soziales Moment. Das ländliche und Kleinbeamtenelement, aus dem sich die nichtjüdische Lehrlingsmasse rekrutiert, erfreut sich einer an sich weit günstigeren Wirtschaftslage und eines niedrigeren Bedürfnisniveaus, als der kleine jüdische Mittelstand. Es ist dies also der Depossedierungsprozeß im Handwerk. Allein hier ist ihm in noch geringerem Maße entscheidende Bedeutung beizulegen als im Handel*). Weitere Schwierigkeiten geschäftlich-technischer Natur sind in der Tatsache der besonders für das Handwerk bestehenden Schwierigkeiten auf dem Gebiete der Kreditgewährung und der daraus, im Zusammenhang mit dem Mangel an technischer Aufklärung, sich ergebenden vielfachen Rückständigkeit des jüdischen Handwerks auf technischem Gebiet. Demgegenüber ist es nicht unwahrscheinlich, daß die Entwicklung des ostjüdischen Handwerks zumindest in rein quantitativer Hinsicht (hinsichtlich der Zahl der Betriebe überhaupt) sich in einer aufsteigenden Linie bewegt. *) Die hier angeführten, dem mit den gegenwärtigen Zuständen im ostjüdischen Handwerk Vertrauten aus unmittelbaren Beobachtungen sich ergebenden Tatsachen sind nur durch ein sehr spärliches Zahlenmaterial erhärtet. Die meines Wissens einzige Stadt im Ansiedlungsgebiet, für die wir exakte Angaben bezüglich der gegenwärtigen Situation im jüdischen Handwerk besitzen, ist Wilna, und zwar dank der in dieser Stadt wirkenden „Gesellschaft für Jüdische Statistik". Auf Grund der in einer Veröffentlichung des Sekretärs dieser Gesellschaft, Herrn Jakob Leszczynski, („La-atidä schel ha-melachä ha-jehudit" [„Zur Zukunft des jüdischen Handwerks'*], „Haolam" vom 12. April 1914. Der Artikel bildet eine gedrängte Zusammenfassung des Inhalts eines Referats des .Verfassers auf der Konferenz der „Gesellschaft zur" Verbreitung von Handwerk und Landarbeit unter den Juden" in Petersburg) bekanntgegebenen Daten läßt sich folgende sehr bezeichnende statistische Tabelle für die Verhältnisse im jüdischen Handwerk der Stadt Wilna, die im großen ganzen als typisch gelten dürfen, aufstellen. Das statistisch verwertete Material umfaßt 2701 Betriebe (insgesamt wurden in Wilna über 3000 jüdische Handwerksbetriebe festgestellt), in denen 5569 Personen beschäftigt sind. Davon 4149 Gesellen (74,5%) und 1420 Lehrlinge (25,5%). Auf je 100 Betriebe entfallen somit 206 Hilfskräfte; davon 153,4 „Gesellen" und 52,6 Lehrlinge. Von den 2701 Betrieben haben nur 821 (30,4%) Lehrlinge aufzuweisen. Art der Betriebe % der Gesamtzahl der Betriebe Gesamtzahl der Gesellen in je xoo Betrieben Gesamtzahl der Lehrlinge in je 100 Betrieben überhaupt Gesamtzahl der Lehrlinge in je xoo Betrieben mit Lehrlingen o/o der weiblichen Lehrlinge o/0 der nichtjüdischen Lehrlinge _ 889 149 315 39 41,50 Zunahtmacherei .... — 454 172 234 — — Handschuhherstellung . 4,6 330 95 210 49 2,0 4,i 247 125 217 — 1,0 236 — — — l6,0 — 191 28 147 — — 35»o 189 60 158 50 5.7 Schuhmacherei .... 11,0 126 10 "5 — - Strumpfwirkerei . . . . 8,5 79 95 97 — — — — - 97 — — — - 39»o