Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1916)
- Article
- Zur Reform des ostjüdischen Handwerks
- Date
- 1916-10-01
- Page
- 441 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3101111-3101112-8875883-3108003--0628-3108048- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zur Reform des ostjüdischen Handwerks 441 Ansiedlungsgebietes fehlen die konfessionellen Aufgaben) 33933 jüdische Fabrikarbeiter gezählt. Diese beiden Hauptgebiete der ostjüdischen Wirtschaftstätigkeit unterliegen seit etwa zwei Jahrzehnten einem fortschreitenden Zersetzungsprozeß. Was aber das ostjüdische Handwerk betrifft, so artet dieser schleichende Zersetzungsprozeß in den letzten Jahren zu einer Krisis aus. In Ermangelung exakter statistischer Ermittelungen lassen sich die einzelnen Phasen dieses jedem Kenner der Verhältnisse sich geradezu aufdrängenden Entartungsprozesses der ostjüdischen Volkswirtschaft nicht zahlenmäßig darlegen. Allein es ist eine unzweifelhafte Tatsache: sie wird durch die rapid zunehmende wirtschaftliche Verelendung des Mittelstandes bezeugt. Auf welche Ursachen ist nun dieser offenkundige Niedergang zurückzuführen? — Was den Handel betrifft, so sind es vornehmlich drei verschieden geartete Ursachen, von denen zwei äußerer Natur sind, eine aber in der inneren Gestaltung der Dinge begründet ist. Die innere Ursache ist mit der Tatsache der hohen natürlichen Vermehrungsquote ohne jede wirtschaftliche Expansionsmöglichkeit gegeben. Die Gegentendenz äußerer Natur ist die trotz aller zufälligen Gemeinsamkeit doch unabhängig entspringende und zur Entfaltung gelangende allgemeine Mittelstands- und Konsumgenossenschaftsbewegung. Eine elementare Folge dieser an sich durchaus natürlichen, durch die inneren Wachstumsgesetze bedingten Entwicklungsprozesse ist der in der Wirtschaftsgeschichte des entwurzelten Volkstums immer wiederkehrende Depossedierungsprozeß. Während nun die Konsumgenossenschaftsbewegung gegen den Kleinhandel als solchen gerichtet ist, scheint die mit der zunehmenden Industrialisierung und dem dadurch veranlaßten Zustrom der ländlichen Bevölkerungselemente in die Städte und in die städtischen Berufe entstehende „Mittelstandsbewegung" dazu angetan, die Wurzeln des gesamten jüdischen Wirtschaftslebens zu untergraben. Dies geschieht auch, und auf diese natürliche Entwicklungstendenz sind die entscheidenden Ereignisse unserer politischen Geschichte im letzten Jahrzehnt zurückzuführen. Inwieweit man diesen Depossedierungs- und Verdrängungsprozeß als Teilursache des Niedergangs des ostjüdischen Handwerks gelten lassen kann, wird sich im Laufe unserer Ausführungen herausstellen. Daß diese aber bloß eine Teilursache, ein Faktor von untergeordneter Bedeutung bildet, sei gleich festgestellt. Die Zersetzung des jüdischen Handwerks ist — auf diese Feststellung lege ich den größten Wert — hauptsächlich nicht auf äußere, sondern auf innere Vorgänge zurückzuführen. Und nicht auf einen ehernen Entwicklungsprozeß, sondern auf infolge völliger Verwahrlosung eingetretene Mißstände, für deren seit etwa einem Jahrzehnt hervortretende verderbliche Folgen die gesamte jüdische Öffentlichkeit, oder doch die leitenden Kreise derselben, verantwortlich zu machen sind. Diese innere Ursache des Selbstzersetzungsprozesses des ostjüdischen Handwerks bildet ein Hauptübel technischer und sozialer Natur. Es ist dies das höchst mangelhafte, völlig unzureichende Ausbildungswesen und die darauf, in Zusammenhang mit anderen aus den allgemeinen sozialen Zuständen sich ergebenden Gegenwirkungen, zurückzuführende fortschreitende Verkümmerung des Nachwuchses. Das soziale Moment besteht in der fortwährend in Abnahme begriffenen Zahl der Lehrlinge infolge der wirtschaftlichen Notlage der Massen, die zur frühen Lohnarbeit zwingt. Dazu gesellt sich der hier allerdings nur sekundäre Faktor der Zunahme der größeren Betriebe^ die dem Lehrlingswesen Heft % 31