Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1916)
- Article
- Zur Reform des ostjüdischen Handwerks
- Date
- 1916-10-01
- Page
- 440 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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440 Leo Rosenberg: nomie der Basis sozialer Eigengesetzlichkeit. Daß eine solche Sachlage auf die Dauer unhaltbar ist, liegt auf der Hand. Es vermag sich niemand der Grunderkenntnis zu verschließen, daß der Konsolidierung der politischen Verhältnisse die der wirtschaftlichen vorangehen müsse, oder daß dieser Konsolidierungsprozeß gleichzeitig auf die Gesamtheit der Lebensverhältnisse sich erstrecken müsse. Um so be^ fremdender muß es scheinen, daß, während auf politischem Gebiet mannigfache Bemühungen und Bestrebungen bereits eingesetzt haben, im wirtschaftspolitischen Bereich noch die ungestörte Friedhofsruhe herrscht. Und doch dürfen diese Fragen einen weit höheren Grad von Dringlichkeit und Vitalität für sich in Anspruch nehmen. Es sind dies Fragen, die sich bereits seit drei Jahrzehnten in einem akuten Stadium befinden. Sie sind nunmehr nach allen Richtungen hin spruchreif geworden. Die folgenden Ausführungen werden ein bislang wenig erforschtes Teilgebiet des weiten Bereichs der wirtschaftspolitischen Probleme im Ostjudentum streifen. Es ist dies das ostjüdische Handwerk. Die ostjüdische Wirtschaftsgesellschaft baut sich hauptsächlich auf Handel und Handwerk auf. Laut den Ermittlungen von 1897 bezüglich der Berufsgliederung der Juden in Rußland entfallen 38,64% der berufstätigen Juden auf den Handel, 34,63% auf Handwerk und Industrie. Jüdische Handwerker (einschließlich Lehrlinge und Gesellen) gab es (1898) im gesamten Ansiedlungsgebiet einschließlich Polen 500986; mithin 13,2% der jüdischen Gesamtbevölkerung dieser Gebiete*), während die gleiche Verhältniszahl der im Handwerk Beschäftigten in Deutschland zwischen 6—7 % schwankt. Rechnet man sie mit Frauen und Kindern auf 1V4 Millionen, so ergibt sich, daß der vierte Teil der jüdischen Bevölkerung des Ansiedlungsgebietes vom Handwerk lebt. Demgegenüber wurden in 14 Gouvernements des Ansiedlungsrayons (in Polen und in einem Gouvernement des nichtpolnischen *) Davon die niedrigste Verhältniszahl in Westpolen mit 9,9 %, die höchste in Litauen mit 14,8%* *m Gouvernement Warschau sinkt diese Zahl zu 7,5% herab; in Suwalki 8,7%, in Grodno 18,5%, in Radom und Taurien 20%. Absolut entfiel von der angegebenen Gesamtzahl des jüdischen Handwerkerstandes im A.-G. im Jahre 1898 119 371 auf Polen, 94 594 auf Litauen, 61 263 auf Südrußland, 140 849 auf Südwestrußland und 84 909 auf Weißrußland. Die Verteilung der Gesamtzahl auf Meister, Gesellen und Lehrlinge ergibt sich aus folgender Tabelle: Gebiet Meister Gesellen Lehrlinge Insgesamt % der Meister % der Gesellen % der Lehrlinge 55 98o 18393 20 221 94 594 59 19 22 25 420 13380 10748 49 548 5i 25 , 24 38 234 17 121 14468 69 823 54 24 22 28 258 20 062 12 943 61 263 46 33 21 Südwestrußland . . . 69 583 46 395 24 871 140 849 50 33 17 Weißrußland .... 41 921 25 177 17 811 84 909 50 30 20 Insgesamt 259 39<5 140 528 101 062 500 986 52 28 29 Über das Prozentverhältnis des jüdischen Handwerkerelements zum nichtjüdischen seien hier folgende Ziffern angeführt: 1880 gab es im Gouv. Mohilew insgesamt 5509 Meister, davon 4290 Juden, mithin 78%* 1897 wurden im Gouv. Grodno 26515 jüdische Handwerker gezählt, die 61 % von der Gesamtzahl ausmachen. In Witebsk betrug im Jahre 1903 die Gesamtzahl der Meister 2820, davon 72 % Juden.