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Der Jude · 1916-10-01 · Heft 7 (Oktober 1916) · p. 438

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 7 (Oktober 1916)
Article
Ostjuden und deutsches Reich
Date
1916-10-01
Page
438 (sequence 6)
Language
German
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43« Gustav Landauer: Ostjuden und Deutsches Reich zigeuner, die von einer Dorfbehörde der andern, von einem Kreis dem andern zugeschoben werden. Ich sehe sie gern an und kann mich von dem Anblick schwer losreißen. Bin ich wie Eulenspiegel, der im Aufwärts das Abwärts, im Abwärts das Aufwärts empfindet, wenn da immer wieder das Gefühl, das sichere, in mir wach wird und ruft: Welch eine Hoffnung, welch ein Trost für die ganze Menschheit! Mag doch, was an Beziehungen der Gemeinheit zwischen ihnen, zwischen ihnen und uns hin und hergeht, sein, wie es will und muß; aber dieses Physiognomische, dieses Unaustilgbare, was an Schönheit der Leiber, der Haltung, der Augen, des Ausdrucks hinter dem Zufallsausdruck, den das Einzelschicksal gemacht hat, in fester Prägung uralt lebendigen Erbtums leibhaft da ist: die Möglichkeit! Oder man gehe weiter und stelle sich einmal einen Gewohnheitsverbrecher de ganz und gar abstoßenden Typus vor, und nun denke man an diesen selben Menschen, wie er als kleines Kind rosig da lag und mit seinen Zehen spielte und zum ersten Mal lächelte. Vergegenwärtige man sich alles Scheußliche und Entmenschte, was es unter zivilisierten Völkern gibt und denke daran: kein Mensch unter all diesen Ausgestoßenen und Enterbten, der nicht einmal in der Wiege oder auf Stroh oder auf Lumpen zum ersten Mal gelächelt hätte! Noch weiter: man gewahre nach elend und niederträchtig vollbrachtem Tagewerk diese selben Menschen, die einst mit reinem, holden Lächeln zum Leben erwachen wollten, auf ihrem letzten Lager: wie jedes Kind ohne irgend eine Ausnahme von der sanften Innigkeit der menschlichen Seele einmal erstrahlt, so ruht auf dem Antlitz eines jeglichen Toten die Erhabenheit und der Stolz des im langen Leben der Menschheit herangezüchteten Geistes, der starr und streng von seinen Begegnungen mit dem Schicksal berichtet. Sehr alt ist die Menschheit; sehr viel hinter sich gebracht und in sich gebracht haben all ihre Völker; und wahre Wirklichkeit in der Anlage der Menschen insgesamt ist die Seele und Geisteshoheit, die in ihren Zügen und ihrer Haltung Erbe geworden ist. Das ist die unsäglich tiefe, reiche, frohe Trosteshoffnung und gewisse Verheißung für alle die, die sich wahrhafte Bildung, Umbildung, Entwicklung, Erweckung des geheimnisreich Seienden zur Aufgabe gesetzt haben. Nichts liegt an den paar Jahrhunderten oder Jahrtausenden der Entwürdigung und Verkommenheit oder des Bildungsscheins und polierten und polizierten Schliffs; das ist alles obendrauf geblasene allerdünnste Haut aus Schmutz oder Schmelz und muß für jede Generation neu als Milieu wiederholt werden, um als Schein eines Erbtums zu wirken. Wahr ist zwar, daß die allermeisten Menschen, wenn sie nur ihr erstes Lebensjahr in dieser überlieferten Umgebung verbringen, ihr fast rettungslos verfallen sind; wahrer aber ist, daß das echte Erbe tiefer sitzt und noch gar nicht angefressen ist, und daß es noch für nichts zu spät ist. Kine ungeheure Aufgabe also wartet unser an unserm Volke! Ich hoffe doch, meine Leser haben, während ich aufforderte, Zigeuner und Zuchthausbrüder vor Augen zu sehen, zwischendurch immer schon die von Würde und Ehrwürde umflossenen Gestalten östlicher Juden und die Seelenanmut ihrer Kinder auftauchen sehen. Ich wiederhole gern: Würde, Ehrwürde und Anmut; so scharf ich weiß, womit sie sich abgeben, wie sie sich benehmen, womit sie sich genügen lassen, so klar schaue ich in der leiblichen Erscheinung ihrer Seelen die Möglichkeiten, zu

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