Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1916)
- Article
- Ostjuden und deutsches Reich
- Date
- 1916-10-01
- Page
- 437 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ostjuden und Deutsches Reich 437 Treiben und Getriebensein dieser armen Menschlein, die so in Lage und Verhältnisse hineingebannt sind, daß sie all in ihrer Groteske mehr Marionetten der Umstände als Schmiede ihres Schicksals heißen dürfen. Mehr oder auch weniger Wohlmeinende, deutsche Juden, die jetzt im Krieg allererst mit Juden aus östlichen Gemeinden in umständlichere Berührung gekommen sind, sprechen mit Entsetzen und Grauen von der Gesunkenheit und dem Schmutz, den sie antrafen. Und nicht wenige gibt es, die laut oder leise sagen, nichts Schlimmeres könne den zivilisierten Juden Westeuropas geschehen, als die Überflutung der Gebiete, in denen sie selbst eine so ansehnliche Stellung einnehmen, mit diesen Stammesgenossen, deren sie sich schämen. Und selbst wenn diese jüdisch-feldgrauen Besucher Galiziens, Polens, Litauens keinen Zweifel an der Hebungsmöglichkeit dieser Tiefstehenden hegen, wenn sie sich vorstellen, daß Myriaden neuer Anwärter für die Laufbahnen auf den Gebieten des Handels, des Bankfachs und der Börse, der Rechtsanwalt-, Arzt- und Zahnarztpraxis in den nächsten Jahrzehnten etwa in Österreich und Deutschland sich einnisten könnten, wird ihnen recht bange vor diesem embarras de richesse in mehrerlei Hinsicht: ihre eigene Assimilation ist noch keineswegs so befestigt, daß ein neues Anschießen willkommen sein könnte, und sie fürchten, gerade wenn sie in ihrer Art weitblickend und staatsmännisch sind, nicht eigentlich die Konkurrenz, sondern den verstärkten Ausbruch von Feindseligkeiten gegen neue und alte jüdische Bourgeoisie. Nicht aber von diesen Möglichkeiten sei hier gesprochen. Eine Entwicklung in dieser Richtung, die freilich, nicht zu leugnen ist's, auch durchaus möglich ist, würde ich, gerade heraus sei's gesagt, als ein noch weiter gehendes Herunterkommen betrachten. Der Jude, der im Ghetto einen kleinen und schmierigen Handel treibt, ist genau derselbe Typus wie der, der auf breiterer Stufe und mit dem erforderlichen Bildungsstoff versorgt von nichts als dem Händlergeist besessen ist. Der Jude aber, der seinen gemeinen Alltag immer wieder abbricht, um sich, wenn auch in mechanisch gewordenen und verderbten Formen, alle paar Stunden dem Höchsten zuzuwenden, der in sein Geschäftsjahr die Bräuche des Ritus und an den hohen Festtagen die tiefe Beugung vor dem Ewigen hineinbringt, steht gerade dadurch auf höherer Stufe als sein mit Bildungsfirniß überstrichener Bruder in der westlichen Großstadt, der statt Religiosität in irgend einer Form nur noch — mehr für die weiblichen Familienglieder als für sich — Romanlektüre, Theatermode und Kunstgeschwätz hat. Ihnen tut gerade so Erneuerung not als ihren östlichen Brüdern; ihre aber ist schwerer! Der Ostjude dieses Schlages ist wie er ist, und ist schlimm genug; um den entsprechenden Westjuden aber steht's schlimmer, weil er Ehrfurcht nicht einmal in der niedrigsten Gestalt, dafür aber Schein, Getue und Bildungsheuchelei hat. Zu verzweifeln ist jedoch nicht, sondern Großes, Schönes und Reines zu hoffen. Mit den emanzipierten Juden ist gemacht worden, was jener Romanheld mit dem schönen Zigeunermädchen tat, das er auf der Straße auflas: er schaffte es in ein Pensionat, ließ dem Kind schnell den Bildungsstoff höherer Töchterschulen einpumpen und war späterhin sehr betrübt, als sie sich seiner Wohltaten unwürdig zeigte und sich recht gemein benahm. Er hätte es anders anfangen müssen. Habt ihr schon einmal Zigeuner gesehen? Ich rede gar nicht von dem edleren Teil dieses Volks in den ungarischen Steppen; ich meine unsre unausrottbaren Wander-