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Der Jude · 1916-10-01 · Heft 7 (Oktober 1916) · p. 439

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 7 (Oktober 1916)
Article
Ostjuden und deutsches Reich
Date
1916-10-01
Page
439 (sequence 7)
Language
German
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Leo Rosenberg: Zur Reform des ostjüdischen Handwerks 439 deren Erweckung und Erziehung wir berufen sind. Wir empfinden sie in all ihrer Verkleidung von Natur wegen als unsre besonderen Brüder, wenn wir nicht allerschlimmst Verkleidete selber geworden sind. Wir empfinden in ihnen wie in uns, trotz allen Hüllen und Masken der Zivilisationsverderbnis verschiedener Stufen, die Verwandtschaft mit dem Geiste des Pathos und der Prophetie, und wissen, daß die Schlauheit der Östlichen wie die witzige Intellektualität der Westlichen nur herabgekommene Geistigkeit ist. Was Martin Luther 1523 von den Juden, nicht von den alten Hebräern, sondern von den getretenen Juden seiner Zeit und Umgebung mahnend gesagt hat: „Wir (Christen) sind nur Schwäger und Fremdlinge, sie (die Juden) sind Blutsfreunde und Brüder unseres Herrn", — das wollen wir für unser eigenes Tun und Planen an uns und unsern Brüdern im Sinne tragen, während wir den Beratungen deutscher Politiker zuhören, was für Maßnahmen gegen jene, in Wahrheit gegen uns alle getroffen werden sollen. Denn das sei zum Schlüsse noch gesagt: bilden wir uns ja nicht ein, daß, wenn wir im rechten Geiste unsre Einheit mit dem gesamten Judentum zur Tat werden lassen, wir Westlichen es seien, die da hülfen, und jene Östlichen, denen geholfen würde. In aller hoffnungsvollen Demut vielmehr wollen wir erkennen, daß Rettung, Aufschwung und Erneuerung der gesamten Judenschaft grimmig not tut, und daß wir dem Schicksal innig zu Dank verpflichtet sind, wenn es uns die Gnade gewährt, daß die Not der Ostjuden in all ihrer Gräßlichkeit unsre eigene wird. Nichts Besseres könnte uns zuteil werden, als daß wir uns in dieser europäischen Menschheit, wie sie jetzt ist, als ganz Fremde, Verlassene und Verstoßene fühlten. Und am Ende wäre es auch gut für diese europäische Menschheit, deren ererbte Hoffnungsfülle und deren Gesunkenheit eine andere, aber nicht minder große ist wie unsre, wenn wir es in ihr, wie sie jetzt ist, nicht mehr aushielten. Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, daß Ausgesetzte und Flüchtlinge zu Pionieren, daß Davonläufer zu Vorläufern geworden sind. Hermsdorf bei Berlin Gustav Landauer ZUR REFORM DES OSTJÜDISCHEN HANDWERKS Die Neugestaltung der Dinge im Osten hat eine verwirrende Fülle von Aufgaben, und Fragen politischer und wirtschaftlicher Art zutage gefördert. Die zeitliche und räumliche Diskontinuität der sozialen Entwicklungsreihen, der Umstand, daß diese Entwicklung durchweg das Bild des Unorganischen, der Sprunghaftigkeit bietet, ist dazu angetan, die Lösung dieser Aufgaben in der Wirklichkeit sehr zu erschweren. Ein krasses Mißverhältnis offenbaren vor allem die inneren Beziehungen zwischen dem rein wirtschaftlichen und politischen Aspekt sozialer Entfaltung. Das seiner bürgerlichen und nationalen Befreiung entgegengehende Ostjudentum tritt unverwandt in eine politische Ära ein, bevor es die elementaren Vorstufen wirtschaftlicher Entwicklung durchschreiten konnte. Seine politischen Aspirationen entbehren so der sozialökonomischen Rechtstitel, die beanspruchte politische Auto-

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