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Der Jude · 1916-10-01 · Heft 7 (Oktober 1916) · p. 436

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 7 (Oktober 1916)
Article
Ostjuden und deutsches Reich
Date
1916-10-01
Page
436 (sequence 4)
Language
German
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436 Gustav Landauer: rechts, sondern im Gegenteil um Einschränkung der von der Verfassung gewährleisteten Gleichberechtigung aller Bürger innerhalb der Reichsgrenzen. Ist es merkwürdig? Nein, es ist nicht merkwürdig. Es war zu allen Zeiten das Kennzeichen einer gewissen Art Realpolitiker, daß sie so wenig wie über ihre Nasenspitze über den nächsten Friedensschluß hinaussehen konnten und daß sie aus der Erfahrung nichts lernten. Wie man mit Reichsgenossen, die nach einem Kriege neu angegliedert wurden, daran ist, wenn man sie in den Rechten den alten Bürgern nicht gleichstellt, und was man nach etlicher Zeit für Erfahrungen mit ihnen machen kann, darüber scheint sich der Herausgeber der Preußischen Jahrbücher keine Gedanken zu machen, — wenn er an die Ostjuden denkt. Er scheint auch nicht vorauszusehen, daß diese Juden, wenn man sie gleich zu Beginn in ihre Ansiedlungsbezirke einpferchte, am Ende nicht mehr sehnsüchtig nach Westen, sondern nach Osten schauen und dort ein heiliges Land erblicken könnten, das sie bisher in diesem Lichte noch nie gesehen hatten! Wie man sich die Juden im Osten zu Freunden macht? Wie man seinen Ruf tüchtiger Verwaltung und seine Berufung zur Innenkolonisation zu Ehren bringt? Wie man Deutschland vor einer Überschwemmung durch verelendete Juden dadurch bewahrt, daß man ihr Elend abstellt? Sollten das nicht bessere und der Zeit mehr gemäße Gegenstände der Untersuchung für deutsche Publizisten sein? Solchen deutschen Politikern, deren erste Regung in dem Augenblick, wo ihnen das jüdische Problem entgegentritt, nichts andres ist als auf ,,Maßnahmen" zu sinnen, sollte, meine ich, der Jude weiter nichts zu sagen haben; sowie tiefere, allgemein menschliche Erwägungen herauf wollen, verschließt uns der Stolz den Mund. Humanität und Menschlichkeit sind entwertete Worte, weil sie Bettelworte sind; Worte, die, wo kein Recht mehr ist, Gnade anrufen. Darum eben war es etwas so Gewaltiges, daß die Revolution die Menschen-Rechte ausrief, als unveräußerliche Rechte, die jeder von Geburts wegen besitzt, weil er Menschenantlitz trägt; diese Revolution ist aber bisher noch nicht fertig geworden und selbst solche Verträge zwischen den Völkern Europas, die bloß ein bißchen Menschlichkeit auf die Stufe des Rechtsanspruchs heben wollten, sind in unsern Tagen wieder zerrissen worden. So möge man verstehen, daß ich, was jetzt noch folgt, nur zu Juden gesagt haben will. Unter uns gesagt, es ist nicht bloß wahrscheinlich, sondern offensichtlich, daß die deutschen Bevölkerungspolitiker Fritz, Heinze und Delbrück, die jetzt die Juden wie ein Karthagergespenst vor dem Osttor stehen sehen, dieses wimmelnde wehrlose Heer keineswegs bloß wegen seiner Kläglichkeit in der Gegenwart, sondern wegen der Möglichkeiten fürchten, die in diesen Menschen schlummern. Von den Möglichkeiten fürs Künftige aber lasset uns zusammen noch ein Wort reden! Sie dünken mich wichtiger als die arge, arme Gegenwart dieser Unglücksmenschen; wichtiger auch als die wichtigen Pläne zu Kolonisation und Autonomie, weil das Verborgene wichtiger ist als das Oberflächliche und die Erneuerung wichtiger als alle Reformen, die vorausgehend oder folgend in ihrem Dienste stehen. Wichtiger ist diese Möglichkeit als das, was gemeinhin Wirklichkeit heißt, weil wirklicher: was noch nicht da, noch nicht nach außen herausgekommen ist, aber nach Anlage und Bereitschaft innen wartet und sich dem Wachstum, entgegenspannt, ist eine leibhaftere Wirklichkeit, als das gespensterhaft unsinnige

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