Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1916)
- Article
- Ostjuden und deutsches Reich
- Date
- 1916-10-01
- Page
- 435 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ostjuden und Deutsches Reich 435 an nur wüßten, daß zu dem unbeschränkten Gutdünken der Verwaltung noch Ausnahmebestimmungen gesetzlicher Art hinzuträten. Es ist doch die verkehrte Welt, das Allgemeine der Verwaltung zu überlassen, das Besondere durch Gesetz zu binden. Ist es aber merkwürdig? So war im Eingang gefragt worden. Keine Bemerkung der Verfasser, wohl aber Anmerkungen des Herausgebers der Preußischen Jahrbücher zu dem Aufsatz von Wolfgang Heinze können uns auf die Spur helfen. Alle drei Arbeiten sind während des Kriegs erschienen und auch — die Arbeit von Fritz freilich vielleicht nur teilweise — während des Kriegs geschrieben worden. Fritz geht auf die Möglichkeit der Umlegung von Staatsgrenzen durch den Friedensvertrag nicht ein; Paphnutius läßt an einer Stelle seine Erwartung eines „künftigen (d. h. offenbar neuen) östlichen Nachbarstaats" durchblicken; die Ausführungen Heinzes aber muß der Herausgeber ein paarmal unterbrechen, weil er es gar nicht aushält, daß sein Mitarbeiter nur von Ausnahmebestimmungen gegen aus dem Ausland einwandernde Juden schreibt, während doch nach seiner, des Herausgebers sehr deutlich ausgesprochenen Meinung die große Gefahr gerade ist, daß, „wenn der Krieg, wie zu hoffen, zur Annexion russischen Gebietes führen sollte", ein beträchtlicher Stock Ostjuden dann Reichsdeutsche würden. Er also empfiehlt, „nicht nur durch Beschränkung der Einwanderung, sondern auch der Freizügigkeit innerhalb des Reichsgebiets" die Gefahr rechtzeitig zu bannen. Paphnutius (Grenzboten S. 402), der von der Voraussetzung eines „künftigen östlichen Nachbarstaates" ausgeht, ist in der Lage, in diesem Zusammenhang folgendes als Tatsache mitzuteilen und als seine Erwartung auszusprechen: „Unsere Heerführer haben dieser jüdischen Masse im Namen der verbündeten Regierungen in offiziellen Proklamationen Freiheit und Gleichberechtigung versprochen, und wir werden dieses Versprechen nach einem siegreichen Kriege einlösen." Er nimmt nun an, in dem Nachbarstaat mit seiner dichtgedrängten starken Judenbevölkerung werde es zu einem beispiellos raschen kapitalistischen und geistigen Aufstieg der Juden kommen, dem eine furchtbare antisemitische Bewegung entgegentreten werde: die Folge werde dann eine Abwanderung nach Deutschland sein. Dem aber werde möglicherweise der Zionismus abhelfen, den die deutsche Regierung darum schon jetzt den Juden wie der Türkei gegenüber fördern und geradezu in den okkupierten Gebieten propagieren solle. Man sieht, Paphnutius sieht eine ganz andere Entwicklung voraus als die beiden andern und scheint darum, aber wohl nicht bloß darum, allen vorbeugenden Maßnahmen durch Schaffung eines Ausnahmezustandes abgeneigt. Den beiden andern aber, die gewiß die Hoffnungen von Paphnutius für realpolitisch nicht in Betracht kommende Träume erklären würden (trotzdem auch sie den Zionismus immerhin in ihre Rechnung stellen), lebt im Oberbewußtsein, woraus sie sprechen, nur der russische und galizische Jude. Ich aber glaube, daß sie zu der absonderlichen Meinung, es bedürfe inmitten des Zustands der Rechtlosigkeit eines Ausnahmegesetzes, gekommen sind aus dem uneingestandenen Gefühl, die Zustände könnten sich bald so wandeln, daß beträchtlichen Teilen der Ostjuden Rechte zuwachsen würden, Rechte innerhalb des ganzen Gebiets des Deutschen Reiches, und daß dem schleunigst vorgebeugt werden müsse. Der Herausgeber der Preußischen Jahrbücher hat deutlich gesprochen: es geht nicht in erster Linie um den als Einwanderungsgesetz maskierten Anfang eines Fremden-