Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1916-10-01 · Heft 7 (Oktober 1916) · p. 432

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 7 (Oktober 1916)
Article
Zion, der Staat und die Menschheit
Date
1916-10-01
Page
432 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875883-3108001--0615-3108039
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

432 Martin Buber: Zion, der Staat und die Menschheit dem, was sich aus diesem oder jenem der Völker ihm einverleibt hat. Der Behauptung Cohens, „Probleme und Schwierigkeiten, geschweige Konflikte des modernen Kulturlebens" gebe es „für die Enge dieses Nationalismus nicht", stelle ich die Sätze gegenüber, die ich vor sieben Jahren in der deutschen und tschechischen Stadt Prag zu jungen Juden deutscher und tschechischer Muttersprache gesprochen habe*) und denen ich nichts hinzuzufügen, von denen ich nichts abzuziehen, in denen ich nur einige Worte zu unterstreichen habe: ,,Wo die natürliche objektive Situation des Einzelnen in seinem Verhältnis zum Volke [die ungestörte Einheit und Geschlossenheit des Volksgefühls] gegeben ist, verläuft sein Leben in Harmonie und gesichertem Wachstum; wo sie nicht gegeben ist, gerät der Einzelne, je bewußter er ist, je ehrlicher er ist, je mehr Entschiedenheit und Deutlichkeit er von sich fordert, desto tiefer in einen Konflikt, er wird desto unausweichlicher vor eine Wahl gestellt zwischen Umwelt und Innenwelt, zwischen der Welt der Eindrücke und der der Substanz, zwischen Atmosphäre und Blut, zwischen dem Gedächtnis seiner Lebensspanne und dem Gedächtnis von Jahrtausenden, zwischen den Zwecken, die ihm die Gesellschaft darbietet, und der Aufgabe, seine Eigenkraft zu erlösen. Eine Wahl: das kann nicht so gemeint sein, als ob es darauf ankäme, das eine oder das andere auszuschalten, aufzugeben, zu überwinden; es wäre sinnlos, sich etwa von der umgebenden Kultur freimachen zu wollen, die ja von unseres Blutes innersten Kräften verarbeitet und uns eingeeignet worden ist. Wir wollen und dürfen uns bewußt sein, daß wir in einem prägnanteren Sinne als irgendein anderes Volk der Kultur eine Mischung sind. Aber wir wollen nicht die Sklaven, sondern die Herren dieser Mischung sein. Die Wahl meint eine Entscheidung über die Suprematie, über das, was das Herrschende und was das Beherrschte in uns sein soll . . . Für den aber, der sich in der Wahl zwischen Umwelt und Substanz für diese entschieden hat, gilt es, nunmehr wahrhaft von innen heraus Jude zu sein und aus seinem Blute, mit dem ganzen Widerspruch, mit der ganzen Tragik und mit der ganzen Zukunftsfülle dieses Blutes als Jude zu leben." In diesem Sinn sind wir unterwegs. Das Wort meines Briefs, daß jeder wahrhafte Zionist auch im innerlichsten Sinn unterwegs ist, ist fast das einzige, auf das Cohen eingeht, allerdings ohne es recht zu verstehen, denn er faßt nur den äußerlichsten Sinn. Seine Entgegnung lautet: „Mit diesem einen Worte allein ist unsere ganze Kulturdifferenz gekennzeichnet. Der Zionist ist unterwegs. Wir aber wollen durchaus überall nur daheim sein und immer mehr uns heimisch machen." Ja, mit diesem Wort ist unsere ganze Differenz gekennzeichnet. Unterwegs —' ja, wir sind unterwegs, wir mit unseren alten Wander herzen und dem jungen Richtungswillen in ihnen. Alle Judenseelen wandern immer noch Tag um Tag und wissen es nicht, und auch die „sich heimisch machen", sind Irrfahrer und ruhelos, und ihre Parole vom Daheimsein ist nur wie der Rabe, den Noah aussandte. Wir aber sind die, die aus der Irrfahrt der Seelen die Wanderung nach dem Ziel gemacht haben. Aber eben deshalb sind wir es, die nicht mehr unstet und flüchtig sind, wir im Ziel Wurzelnden, wir „Söhne des Messias". Jene versichern etwa den Deutschen, sie seien nicht anders als sie, um nicht *) Drei Reden über das Judentum, S. 25 ff.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.