Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1916)
- Article
- Zion, der Staat und die Menschheit
- Date
- 1916-10-01
- Page
- 431 (sequence 7)
- Language
- German
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Zion, der Staat und die Menschheit 431 tum nicht verwirklichen können. Bekennen können wir hier, aber nicht tun; mit dem Dulden für Gott zeugen, aber nicht mit dem Schaffen; das Jobeljahr preisen, aber nicht es einführen. Und auch von der Weissagung der Propheten haben wir die entgegengesetzte Lehre empfangen. Keiner ist unter ihnen, dem die Zerstreuung anders erschienen wäre als Jeremija, auf den Cohen sich vor allen beruft: „wie Spreu, die in den Wind der Wüste dahinfährt", *) keinen, dem die Sammlung anders erschienen wäre als ihm: „Noch wird an diesem Orte, von dem ihr sagt: Er ist wüst, ohne Menschen und ohne Vieh, — in den Städten Judas und in den Gassen Jerusalems, gehört werden Stimme der Wonne und Stimme der Freude, Stimme des Bräutigams und Stimme der Braut". Und wahrlich, dem Mann, der zur Zeit des großen Schreckens, inmitten des Wirrsals vor der Hinwegführung des Königs und des Volkes nach Babel und inmitten der Verzweiflung nach ihr, auf judäischer Erde zu den „müden und verschmachtenden Seelen" seine Trostworte redete, war „dieses Land", auf das er zeigte, nicht ein „Symbol", zu dem es Cohen in seinem Munde verkehren will, sondern es war das Land, darauf seine und ihre Augen schauten. Niemals ist mit dem hohen Begriff des Symbols ein schlimmerer Mißbrauch getrieben worden. Wenn aber Cohen die Worte der Propheten, ganz einsammeln wolle Gott den Überrest Israels, dahin umdeutet, die Völker würden mit Israel zu dem Lichte Gottes, d. h. zu der Lehre der Propheten strömen, so finden wir dies in Wahrheit in den prophetischen Büchern einzig im Sinn der Verkündung, daß die Völker „auf Rossen und Wagen, auf Sänften, auf Maultieren und Dromedaren" dem wiederhergestellten Zion zuströmen werden als dem „heiligen Berge", dem „Hause des Gottes Jakobs"; „denn mein Haus wird genannt werden ein Bethaus für alle Völker". Und eben dies ist unser Glaube: daß das wiederhergestellte Zion das Bethaus für alle Völker und die Mitte der neuen Erde wird, die zentrale Stätte des Geistesfeuers, in dem „das blutbefleckte Kriegskleid verbrannt" und „die Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet werden". Die neue Menschheit braucht uns. Aber sie braucht uns nicht zerstreut und auseinanderstrebend, sondern gesammelt und geeint, nicht von Getue und Gerede besudelt, sondern gereinigt und bereit, nicht Gott bekennend mit unserem Wort und Gott verratend mit unserem Leben, sondern Gott getreu dienend durch die Bildung einer Menschengemeinschaft nach seinem Sinn. Nicht dies liegt uns ob der neuen Menschheit zu geben, daß wir ihr erklären und beteuern, es sei ein Gott, sondern dies, daß wir ihr zeigen, wie Gott in uns lebt —wie er in uns das wahrhafte Menschenleben lebt: daß wir uns selbst und Gott in uns verwirklichen. T 7' Im Lichte dieser Anschauung unserer Aufgabe erscheint mir das Verhältnis des Judentums zu den Völkern, erscheint mir das Verhältnis des einzelnen Juden zu *) Das von Cohen angeführte Gleichnis Michas vom Tau (5,6) lese man vollständig, nicht bloß die aus dem Zusammenhang gelöste erste Hälfte. Micha sagt ganz eindeutig: Wie Tau und Regen nicht vom Tun der Menschen sondern von Gott allein abhängen, so Israel unter den umgebenden Völkern. Und er fährt fort: Wie ein Löwe unter den Tieren des Waldes mächtig ist, so Israel unter den umgebenden Völkern. Cohen aber deutet: »Es ist unser stolzes Bewußtsein, als göttlicher Tau inmitten der Völker fortzuleben, und unter ihnen und für sie fruchtbar zu bleiben.*' Daß Michas Wort sich nicht auf die Zerstreuung bezieht, geht schon daraus hervor, dass unmittelbar vorher von der Rettung vor Assurr die Rede ist, „wenn es in unser Land eindringt".