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Der Jude · 1916-10-01 · Heft 7 (Oktober 1916) · p. 433

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 7 (Oktober 1916)
Article
Zion, der Staat und die Menschheit
Date
1916-10-01
Page
433 (sequence 9)
Language
German
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Gustav Landauer: Ostjuden und Deutsches Reich 433 als fremd zu gelten. Wir aber sagen aus, daß wir anders sind, und dürfen als eine Wahrheit unserer Seele, die niemand verkennen kann, hinzufügen, daß wir nicht fremd sind. Die Irrfahrer rammen die Pfähle ihrer Begriffe ein, um sich daran zu lehnen, und wenn es Begriffe gilt, kann Deutschtum wie Judentum und Judentum wie Deutschtum erscheinen. Wir aber, die wir unterwegs und unserer Richtung herzhaft bewußt sind, wir sehen die uns wesensverschiedene aber nicht wesensfremde, die vertraute Wirklichkeit und gestehen, daß wir sie lieben: die Sprache, die uns zum Denken, die Landschaft, die uns zum Schauen erzog, die schaffende Tiefe eines großen Volkstums, der wir für beglückendes Geschenk zu danken haben. Wir hängen uns nicht bei den andern ein, aber wir grüßen sie, wie nur die grüßen können, die nach dem Ziele wandern: Freunde, wir sind unterwegs, um unsertwillen, um euretwillen — um des Heils willen. Martin Buber OSTJUDEN UND DEUTSCHES REICH*) Ist es merkwürdig? Ich habe drei Schriften vor mir,**) die alle drei von fleißigen, um Sachkenntnis bemühten deutschen Schriftstellern herrühren; sie haben keinen Haß gegen das Judentum und auch nicht die vorurteilsvolle und fast abergläubische Scheu, sich mit dem Problem der Juden eben so wie mit einem andern Nationalitätsproblem einzulassen; sie haben alle drei die Befürchtung, das Deutsche Reich sei in nächster Zukunft von einer Überflutung durch proletarische Juden ernsthaft bedroht; zwei von ihnen — Heinze und Fritz — halten Maßnahmen der Reichsgesetzgebung für dringend erforderlich, der dritte, Paphnutius, begnügt sich mit dem auch von den andern ernsthaft oder politisch erwogenen Hinweis auf die Abhilfe durch die Ansiedlung in Palästina und benachbarten Ländern: und alle drei erwähnen einen entscheidend wichtigen Umstand mit keinem einzigen Wort. Sie fürchten die Einwanderung östlicher Juden ohne genügende Subsistenzmittel, mit zu geringen Ansprüchen ans Leben, auf zu niedriger Stufe der Zivilisation, vorwiegend aus Rußland, daneben noch aus Galizien; sie fordern rechtzeitige und entscheidende Hilfe; keiner aber scheint daran zu denken oder für nötig zu halten, davon auszugehen, daß diese Juden Ausländer sind und als solche ohne jede Änderung der Gesetzgebung in allen deutschen Staaten nur von der Gnade, aber niemals im Rechte leben. Das Ministerium des Innern und seine untergeordneten Organe können jeden Fremden, ohne Angabe von Gründen, schon bloß, wenn seine Nase nicht gefällt, des Landes verweisen; und daß sie gegen Juden, denen die wirtschaftliche Sicherheit fehlte oder die sich sonst, auch politisch, mißliebig gemacht hatten, oft genug so verfahren sind, ist bekannt. Handelt es sich da auch nur um *) Dieser Aufsatz war für das erste Heft bestimmt, mußte aber aus äußeren Ursachen zurückgestellt werden. (Anm. d. Red.) **) Georg Fritz (Kaiserl. Geh. Regierungsrat), Die Ostjudenfrage. Zionismus und Grenzschluß. München, J. F. Lehmanns Verlag, 1915. 48 S. — Paphnutius, Die Judenfrage nach dem Kriege. Die Grenzboten Nr. 39, September 1915. — Dr. Wolfgang Heinze, Ostjüdische Einwanderung. Preußische Jahrbücher, Oktober 1915.

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