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Der Jude · 1916-10-01 · Heft 7 (Oktober 1916) · p. 430

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 7 (Oktober 1916)
Article
Zion, der Staat und die Menschheit
Date
1916-10-01
Page
430 (sequence 6)
Language
German
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430 Martin Buber: wirklichung des Judentums. Am Werk der neuen Menschheit, das wir meinen, kann die spezifische Gewalt des Judentums nicht entbehrt werden — die Gewalt, die einst dem Menschen den stärksten Antrieb zum wahrhaften Leben gab. Sie ist nicht erstorben; sie lebt mitten in der Entartung fort und bewahrt die Keime des Heils für die Zukunft. Aber seit sie jenes vollbrachte, ist sie aus dem zwiespältigen, doch aus dem Zwiespalt den großen Geist immer neu erzeugenden Leben Israels ins Exil gefallen: in die Herzen einzelner Juden, abgesonderter, unverbundener Einzelner in jedem Geschlecht. Entzogen war ihr der Zustrom aus der Vitalität des Volkes, die sich nunmehr auf eine unablässige Anstrengung sammeln mußte: unter den widrigsten Umständen, denen jedes andere erlegen wäre, zu dauern. Das Element der Dauer, das jeder Nation außer in Momenten der Katastrophe naturhaft verliehen ist, mußte hier Tag um Tag neu erkämpft werden — und mit keinen anderen Mitteln als der Leidenschaft der Seele und der Abgrenzungskraft des Geistes. Von jenem Zustrom abgeschnitten, bedachten und besannen nun die Einzelnen, was einst die von ihm gespeisten Propheten und Lehrer getan hatten, die das Volk geißelten, aber mit seiner Vitalität tief verbunden waren. Die alte jüdische Schöpfung des Geistes war, auch wo sie aus dem Widerspruch hervorging (und sie ging fast stets aus dem Widerspruch hervor), ihrem Wesen nach Volksschöpfung; in Individuen konnte sie nur latent fortleben. So geschah es, daß das Judentum noch anregen und hinweisen, aber seine umwandelnde Tat an der Menschheit nicht mehr erneuern konnte. Auch der größte Versuch, die Erstarrung des Volksgeistes zu lösen, der Chassidismus, jenes wundersame Experiment geistiger Alchimie, das die Erneuerung aus der ungeschmälerten Masse des überlieferten Stoffs herausholen wollte, mißlang und mußte mißlingen. Als das Judentum sodann nach Jahrtausenden der Abgeschlossenheit sich den Völkern näherte, vermochte es nur zu nehmen und zu verarbeiten, nicht aber Entscheidendes zu geben. [ Freilich geht heute wieder ein Erwachen durch die vom Geist berührten Einzelnen in der Judenheit, von Stunde zu Stunde wachsend stürmt der Schöpfungstrieb in den Seelen. Die Keime des Heils leben auf, ein Unsagbares geschieht — mein einst geäußerter Glaube hat mich nicht getrogen: ,,in diesem fiebernden Land, in dieser schreienden Stunde wird das Heilige geboren". Aber es wird vergehen, wie aller Aufschwung im Galut verging, ja mehr noch, es wird, da auch die Volkseinheit dahingeschwunden ist, auf der der Chassidismus sich gründete, Gedanke, Rede, Schrifttum bleiben und nicht leibhaftes Leben werden, wenn die Kraft des Volkes nicht von dem unfruchtbaren Kampf um die nackte Dauer erlöst und der Vollendung seiner Religiosität zurückgegeben wird. Das aber ist es, was ich mit Palästina meine. Keinen „Staat", nur diese alte Erdkrume, die verheißene Bürgschaft der endgültigen und geheiligten Dauer, die harte Scholle, in der allein der Same der neuen Einheit aufgehen kann. Und nicht aus „Machtbedürfnis", einzig aus dem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung; welches das Bedürfnis ist, Gottes Macht auf Erden zu mehren. 6. „Die gesamte Geschichte des Judentums", sagt Cohen, „lehrt, in Übereinstimmung mit der Weissagung der Propheten, daß die Verwirklichung.des Judentums an unsere Zerstreuung unter die Völker der Erde gebunden ist." Wir haben von der Geschichte die entgegengesetzte Lehre empfangen: daß wir hier, in dem nicht von uns selber bestimmbaren Leben der Zerstreuung, das Juden-

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