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Der Jude · 1916-10-01 · Heft 7 (Oktober 1916) · p. 429

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 7 (Oktober 1916)
Article
Zion, der Staat und die Menschheit
Date
1916-10-01
Page
429 (sequence 5)
Language
German
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Zion, der Staat und die Menschheit 429 zieht" nach ihm „die Realisierung der Sittlichkeit auf Erden", und es ist nur eine Ergänzung dieses Satzes, wenn er sagt: „Wir kontrollieren unsere Religion an unserer Ethik", Ich aber verneine diese Welt, in der die Religion an der Ethik und die Ethik am Staat „kontrolliert" wird. Meine Ethik ist eine Exekutive meiner Religion: der Wille, die Macht Gottes auf Erden zu mehren und die Macht des Übels zu mindern. Und der Staat ist eines der Gebilde, an denen sich diese Ethik bewähren kann. Eines der Gebilde: formaler als die im Leben verwurzelten der Familie, der Gemeinde, des Volkes, und daher mehr noch als sie alle der „Kontrolle" bedürftig: ob er die Macht Gottes auf Erden mehrt und die des Übels mindert. Diese Kontrolle aber vermag kein anderer auszuüben als der zur legitimen Autorität gewordene Geist, dem die Völker und die Staaten Untertan sind: die lebendige Religion. Cohen, der die Religion durch die Ethik kontrolliert, deren Quintessenz die Idee des Staates ist, will, ob es ihm auch nicht bewußt wird, den Geist unter den Staat beugen; ich will den Staat unter den Geist beugen. Nur unter der offenbaren Autorität des Geistes könnte sich auch der Staatenbund aufbauen, von dem Cohen redet, dessen „Symbol" für ihn der Staat ist —1 eine irreführende Abstraktion, solange nicht gesagt wird, daß, was heute allerorten Staatenbund heißt, der Bund von Staaten gegen Staaten, nimmermehr ein Weg zur wahren Menschheit werden kann. 5. In einem Punkte aber redet Cohen nicht an mir vorbei: er erkennt, daß der Streit zwischen uns (nicht zwar zwischen ihm und „dem Zionismus", von dem ich keinen Auftrag habe und zu dessen Interpreten ich nicht bestellt bin, wohl aber zwischen ihm und mir, der ich hier meine persönliche Anschauung äußere) zuinnerst um das Verhältnis zwischen Staat und Religion geht; ich könnte auch sagen: zwischen Staat und Geist, oder: zwischen Staat und Menschheit. Für mich ist die Religion nicht wie für ihn „eine der konzentrischen Spezialitäten innerhalb der Einheit der sittlichen Kultur" und der Staat nicht „der Schwerpunkt aller Menschenkultur". Eher umgekehrt: einzig im religiösen Leben stellt sich mir die Einheit des wahren Menschentums dar, im Staat nur eine seiner Bewährungen. Sowie er aber diese erkannte allgemeine Differenz auf das jüdische Problem anwendet, geht Cohen irre. „Unser Streit", meint er, „dreht sich nicht sowohl um das jüdische Volk als vielmehr um den jüdischen Staat. Eigentlich erkennt also der Gegner meine Definition, daß der Staat erst das Volk definiere, seinerseits an, aber er schließt daraus auf einen Sonderstaat für das jüdische Volk." Welch eine Paradoxie! Wie mir als Menschen der Staat überhaupt, so ist mir als Juden der „jü-. dische Staat" nicht das bestimmende Ziel. Und das „Machtbedürfnis eines lebensfähigen Stammes", von dem Cohen weiter redet, ist mir vollends fremd; ich habe von den Werken des leeren Machtbedürfnisses zu viel gesehen und gehört. Es geht um etwas anderes. Es geht nicht um den jüdischen Staat, der ja, wenn er heute entstünde, auch wieder auf denselben Prinzipien aufgebaut sein würde wie jeder moderne Staat; es geht nicht um ein kleinwinziges Machtgebilde mehr in dem Gewimmel; es geht um eine Siedlung, die, vom Getriebe der Völker unabhängig und der „äußeren Politik" enthoben, alle Kräfte um den inneren Ausbau und damit um die Verwirklichung des Judentums versammeln kann. Ich habe in meinem Brief gesagt und wiederhole es: Wir wollen Palästina nicht »»für die Juden": wir wollen es für die Menschheit, denn wir wollen es für die Ver-

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