Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1916)
- Article
- Zion, der Staat und die Menschheit
- Date
- 1916-10-01
- Page
- 426 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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426 Martin Buber: tum; aber dieses zersprengte, zerrissene, haltlose hier kann ihr nicht geben, was sie von ihm braucht, sondern erst ein im eignen Lande regeneriertes. Oder ich hatte in meinem Brief von dem „verschütteten" Judentum in uns gesprochen: von den echten jüdischen Kräften und Formen, die in uns durch fremde Kräfte und Formen zurückgedrängt worden sind. Und ich hatte von dem „fiktiven" Judentum außer uns gesprochen: von dem Scheinjudentum, darin die vegetieren, die sich Juden nennen, ohne als Juden zu leben. Und nun bringt Cohen es fertig, diese beiden, einander so völlig entgegengesetzten Begriffe als Synonyme zu behandeln. Er glaubt, meine Meinung wiederzugeben, wenn er schreibt: „nur in Palästina, nur im jüdischen Staate könne das ,verschüttete', das ,fiktive* Judentum überwunden und beseitigt werden". Das verschüttete Judentum, das schlummernde potentielle Judentum in uns soll „beseitigt" werden! Gibt es noch einen einzigen Leser außer Cohen, der mich so mißverstanden hat? Das Erstaunlichste in dieser Art aber ist das Angeführte noch nicht. Ich hatte geschrieben, das Judentum möge wohl dereinst, wie alle Völker, in der messianischen Menschheit aufgehen: in der heutigen müsse es verharren, „aber nicht als eine stetig abbröckelnde Naturtatsache im Verein mit einer immer breiter konfessionalisierten Religion". Es scheint mir nicht gar schwierig zu verstehen, was ich meine. Cohen hatte die jüdische Nationalität anerkannt, aber nur als Naturtatsache. Darauf erwiderte ich: als Naturtatsache betrachtet, bröckelt das Judentum immer mehr ab (durch Taufe und Vermischung), und dieser Prozeß wird nicht aufhören, bis ihm eine Geistestatsache — die der Regeneration durch den nationalen Willen — entgegentritt. Cohen hatte des weiteren als einzigen Zweck der „Naturtatsache" die Erhaltung der jüdischen Religion bezeichnet. Darauf erwiderte ich: als Religion betrachtet, konfessionalisiert sich das Judentum immer mehr, denn immer größer wird der Anteil derer, die sich zum jüdischen Glauben bekennen, ohne ihm zuinnerst anzugehören, und dieser Prozeß wird nicht aufhören, bis sich eine Erneuerung des Judentums vollzogen hat. Und ich verband meine beiden Erwiderungen, indem ich sagte, das Judentum solle unter den Völkern verharren, aber nicht als eine abbröckelnde Naturtatsache im Verein mit einer konfessionalisierten Religion. „Im Verein mit . . sollte dieser gute deutsche Ausdruck, der ungefähr dasselbe bedeutet wie „in Verbindung mit", Cohen unbekannt sein? Es scheint so; denn — so unwahrscheinlich es klingt — er wittert hier eine Anspielung auf einen Verein; etwa auf den Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, oder auf so was ähnliches. Er schreibt: „Was aber denkt sich mein Kritiker bei dem Satz, mit dem er das liberale Judentum neben der Naturtatsache durch den ,Verein mit einer immer breiter konfessionalisierten Religion* zu charakterisieren beabsichtigt? Vielleicht verstehe ich diesen verschleierten Ausdruck nicht recht. Wie ich ihn aber verstehen muß, enthält er eine schwere Verdächtigung, die mit Entrüstung zurückgewiesen werden muß. Unsere Differenz nimmt hier einen aktuellen politischen Charakter an." So Hermann Cohen, der Verfasser der „Logik der reinen Erkenntnis". Unsere Differenz nimmt hier einen humoristischen Charakter an. 3- Dieses Vorbeilesen und Vorbeireden Cohens bekundet sich denn auch in seiner Behandlung eines Hauptproblems seiner Polemik: der Frage nach dem Verhältnis des Judentums zum Staat.