Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Das palästinensische Handwerk
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 255 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Kolonisation 255 stehung begriffen sind, die anderen nach Durchführung der vorher erwähnten Reformen, insbesondere auf dem Gebiete der Zollgesetzgebung. Anderseits hat der im Juli 1922 begründete Verband der Handwerkergenossenschaften, in dessen Ausschuß auch Vertreter anderer bedeutender Arbeiterinstitutionen sitzen, sich das Ziel gesetzt, die Wirtschaftspolitik der Genossenschaften zu leiten. Es ist aber kaum anzunehmen, daß diese beiden Tatsachen genügen werden, umAbschließungstendenzen oder andere kapitalistische Entartungstendenzen unmöglich zu machen. Dazu wäre eine viel weitergehende Kontrolle notwendig, welche die Eingliederung der Handwerkergenossenschaften in einen größeren Wirtschaftsorganismus ermöglichte. Eine derartige Eingliederung, die die Genossenschaften von den schlimmsten Absatzsorgen frei machen und zugleich die Möglichkeit geben würde, ihre innere Zusammensetzung entscheidend zu bestimmen, wäre wohl die glücklichste Lösung der Frage, und in Palästina, viel leichter durchzuführen als in Europa. Glücklicherweise sind Ansätze hierzu bereits vorhanden. Der sich rasch entwickelnde Arbeiterkonsumverein Hamaschbir, dessen Entwicklung in einen Landeskonsumverein wohl nur eine Frage der Zeit ist, ist berufen, diejenige Wirtschaftsorganisation zu werden, in welche die HandwerkeVgenossenschaften sich eingliedern könnten. Viele Anzeichen deuten darauf hin, daß die Verwirklichung dieses Prozesses nicht lange auf sich warten lassen wird. So hat der bereits erwähnte Verbandstag der Handwerkergenossenschaften beschlossen, daß die daselbst begründete Organisation in ständiger Geschäftsverbindung mit dem Hamaschbir zu bleiben habe. Im Laufe des letzten Jahres hat der Hamaschbir eine Kleiderabteilung eröffnet, die ihren Bedarf bei der Schneidergenossenschaft Hamalbisch bezieht. Auch sonst sorgt der Hamaschbir bereits heute vielfach für den Absatz der Handwerkergenossenschaften, wenngleich sich noch viele Schwierigkeiten ergeben, deren Ursachen teils in der Konkurrenz der Händler, die überwiegend ausländische Ware feilbieten, teils in manchen Mängeln der inneren Organisation des Hamaschbir selbst liegen. Nur nach Beseitigung der beiden Schwierigkeiten wird diese Aufgabe restlos erfüllt werden können. Und von der Übernahme des Absatzes der Handwerkergenossenschaften bis zu ihrer Aufsaugung durch den Hamaschbir ist nur «in Schritt. Er wird sowohl im Interesse der ökonomischen Entwicklung des Hamaschbir, der nur dann die Produktionspolitik in seine Hände wird nehmen können, als auch im Interesse der sozialen Entwicklung des Genossenschaftswesens getan werden müssen. Noch einige Worte über die Bedeutung der Wirtschaftsgesinnung für die Lösung der Handwerkerfrage, An der heutigen schweren Lage des palästinensischen Handwerks ist auch viel der Leichtsinn der Bevölkerung schuld. Es wird sehr oft gedankenlos fremde Ware gekauft,;selbst wenn man um denselben Preis und in derselben Güte inländische Handwerkerware bekommen könnte. Ist dies aber bei den breiten Massen der Bevölkerung, die in der Regel überall das kaufen, was man ihnen vorsetzt, ohne viel nach dem Ursprung zu fragen, noch irgendwie verständlich, so grenzt das Verhalten großer Teile der palästinensischen Kaufmannschaft, die systematisch im Lande erzeugbare Waren importieren, an nationalen Verrat. In wenigen Ländern schadet der Händlerstand so der Entwicklung der inländischen GeWerbetätigkeit wie in Palästina. Mit vollem Recht bezeichnet ein Aufruf der Jaffaer Arbeiterschaft vom November 1922 diese Art von Kaufleuten als Feinde des jüdischen Gemeinwesens und fordert dazu auf, sie aufs schärfste zu bekämpfen. So muß denn neben der eigentlichen Reform- und Organisationstätigkeit an die Erziehung der Massen der Bevölkerung für das Verständnis der inländischen Gewerbetätigkeit gedacht werden. Dies ist ein Ziel, das nur durch unermüdliche tagtägliche Arbeit, durch mündliche und schriftliche Propaganda, durch Vorträge, Versammlungen, Flugblätter u. dgl. erreicht werden könnte. Es ist nicht minder wichtig als die staatliche Gesetzgebung, als gewerbliche Erziehung und als Organisierung des Handwerks. Es ist geradezu eine Vorbedingung für das Gelingen jener Bestrebungen. Als Ergebnis dieser Ausführungen dürfen wir feststellen, daß die heutige schwere Lage des Handwerks in Palästina nicht durch einen naturnotwendigen Wirtschaftsprozeß, sondern durch äußere Hindernisse verursacht ist, die bei Anwendung geeigneter Mittel beseitigt werden könnten. Es bleibt noch zu betonen, daß die Lösung der Handwerkerfrage in Palästina nicht nur für die in Palästina bereits arbeitenden Handwerker von Bedeutung ist. Es ist zugleich eine Existenzfrage für die vielen jüdischen Handwerker, insbesondere im Osten Europas, die heute