Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Das palästinensische Handwerk
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 252 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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252 Umschau: Kolonisation Hohen Fortbildung und dem Zusammenschluß in Genossenschaften, hat der Handwerker, was das erste betrifft, gar keinen, und was das zweite betrifft, nur einen sehr spärlichen Gebrauch gemacht. Bis zum heutigen Tage ist die fachliche Ausbildung des Gros der palästinensischen Handwerkerschaft sehr primitiv, was zusammen mit Unpünktlichkeit wohl ihre Hauptschwäche bildet. Und auch das Verständnis für die Vorteile der Genossenschaft war bis auf die neueste Zeit sehr gering. Was in den letzten paar Jahren diesbezüglich geschehen ist, ist zwar als Anfang ziemlich hoch zu werten, aber wegen seiner geringen quantitativen Entwicklung und vieler Mängel der inneren Organisation nicht geeignet, die Handwerkerfrage der Lösung merklich näher zu bringen. Wir werden auf die bestehenden Genossenschaften und auf die ganze Frage der palästinensischen Handwerkergenossenschaften noch später zurückzukommen haben. Die Methoden, deren sich das palästinensische Handwerk in seinem Kampf um die Existenz bis auf die neueste Zeit überwiegend bediente, gehören zu den rückschrittlichsten und wohl auch wenigst zweckmäßigen. An einen direkten Kampf mit der ausländischen Konkurrenz war nicht zu denken. Dieser wäre nur im Wege der Zollgesetzgebung möglich gewesen, und eine solche war zur Zeit der Türkenherrschaft wegen der allzugroßen Abhängigkeit von den europäischen Mächten und wohl auch wegen der Indolenz der Verwaltung ausgeschlossen. So suchte man sich denn durch weitgehende Ausbeutung der Arbeitskraft, der eigenen wie auch der der Angestellten, sowie durch Niederdrückung des Lebensniveaus, wiederum des eigenen wie des der Angestellten, Luft zu schaffen. Die Lehrlingszüchterei ist im palästinensischen Handwerk> insbesondere in den am meisten bedrohten Gewerben, auf der Tagesordnung. Da Lehrlinge in den meisten Fällen nicht bezahlt zu werden brauchen, so nimmt man sie scharenweise auf und läßt sie jahrelang ohne irgendwelchen Lohn arbeiten. Es gibt in Palästina sehr viele Handwerkerbetriebe, die überhaupt nur mit Lehrlingen arbeiten. Natürlich ist das auch mit eine der Ursachen des niedrigen Standes des Handwerks, aber es macht zunächst den Betrieb billiger. Man hält sich auch nicht an irgendwelche Beschränkungen der Arbeitszeit. Von einer staatlichen Sozialpolitik, die eine zwangsweise Beschränkung der Arbeitszeit mit sich bringen würde, ist in Palästina heute noch nicht viel zu sehen. Zur Zeit der Türkenherrschaft war davon keine Rede. So glaubte sich auch der Handwerker in der Ausbeutung der ihm untergeordneten Arbeitskräfte keinen Zwang antun zu müssen, um so weniger, als die bittere Not ihm dieses Mittel diktierte. Wenngleich heute der achtstündige Arbeitstag dank der Initiative der Arbeiterorganisation sowohl in den meisten Arbeitergenossenschaften als auch in vielen Privatbetrieben, insbesondere in den wenigen im Lande bestehenden Industrien, durchgeführt ist, so ist von ihm in den allermeisten Handwerkerbetrieben noch keine Rede. Wie schlimm dort die diesbezüglichen Verhältnisse sind, hat besonders kraß der Streik der Bäckerarbeiter Jaffas im Februar 1922 bewiesen. Es zeigte sich damals, daß die Arbeitszeit in diesem Gewerbe 12—18 Stunden dauerte — und das für einen Arbeitslohn, der teilweise niedriger war als der eines ungelernten Arbeiters! Es bedurfte eines dreitägigen Streiks der Arbeiter, der nach dreiwöchentlichen ergebnislosen Verhandlungen ausbrach, und des Eingreifens des Regierungsvertreters, um eine Herabsetzung der Arbeitszeit auf 10 Stunden und die Gewährung von halbwegs menschenwürdigen Arbeitslöhnen zu erzielen. Diese Verhältnisse sind noch typischer für diejenigen Arten des Handwerks, die mit der ausländischen Konkurrenz zu kämpfen haben, und werden durch die in den Schneider- und Schusterwerkstätten betriebene Ausbeutung der Hilfskräfte womöglich noch übertroffen. Die Entlohnung der Arbeiterschaft ist, wo sie überhaupt besteht (Lehrlinge erhalten nichts), äußerst niedrig. Nach der schon erwähnten, im Jahre 1919 durchgeführten, statistischen Untersuchung zeigte es sich, daß die Gesellen bei Schneidern, Schustern, Bäckern, Klempnern und Kürschnern kaum das notwendigste Existenzminimum verdienten. In manchen Orten (z. B. Tiberias) verdienten sie auch das nicht. Nur in einigen, vorher erwähnten Gewerben, in denen die Konkurrenz des Auslandes keine so schwere ist, wurden den Gesellen höhere Löhne gezahlt. Man stelle sich aber ja nicht vor, daß sich die Handwerker bei dieser Ausbeutung der fremden Arbeitskräfte bereichern. Ihr Verdienst ist oft nicht erheblich größer als der von ihnen gezahlte Arbeitslohn. Ist ja das Niederdrücken des eigenen Lebensniveaus mit eines der