Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Das palästinensische Handwerk
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 251 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101194-3107918--6018-3107990- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau: Kolonisation 25i werker geliefert zu werden pflegten, unterliegt wohl keinem Zweifel. Und diese Gruppe umfaßt einen sehr bedeutenden Teil der allgemeinen Importziffer. So entfallen auf sie, um nur bei den angegebenen Jahren zu bleiben, aus der Importziffer Jaffas für 1907 von 16 180 000 Fr. 3 115 000 Fr., aus der Importziffer für 1913 von 26 252 900 Fr. 7 336 200 Fr., aus der Importziffer für 1920 von 5 216 633 £ 2 431 978 £. In diesen Ziffern ist, um nur einige uns hier speziell interessierende Artikel zu nennen, der Import von Schuhwerk, Porzellanwaren, Geschirr, Biskuits, Teigwaren, Fleischkonserven usw. enthalten. Man braucht nur einige Zeit im Lande gewesen zu sein, um sich darüber klar zu werden, welche Rolle diese Importartikel im Wirtschaftsleben des Landes spielen. Man trägt heute in Palästina fast nur europäische Schuhe, benutzt fast ausschließlich europäisches Geschirr und ißt (besonders der Arbeiter) wochenlang kein anderes als amerikanisches Konservenfleisch. Die Folgen dieser Erscheinung für die Handelsbilanz des Landes wollen wir hier nicht weiter verfolgen. Wir haben es nur mit der Lage der Handwerker zu tun. Für sie war diese Konkurrenz des Auslandes von sehr traurigen Folgen, in erster Reihe wegen ihrer Billigkeit. Nur in den seltensten Fällen ist es dem Handwerker möglich, seine Erzeugnisse zu demselben Preis zu verkaufen, der für ausländische Artikel gefordert wird, und dabei noch einen halbwegs anständigen Arbeitslohn zu erzielen. Dies ist auch leicht verständlich. Denn erstens ist die ausländische Ware in den meisten Fällen Fabrikware, hat also das voraus, was überall der Fabrikproduktion gegenüber der Handwerkerproduktion den Vorzug gibt: nämlich die Möglichkeit einer billigen Massenproduktion infolge weitgehender Anwendung von Arbeitsteilung und Maschinerie. Wo die ausländische Ware aber keine Fabrikware ist, ist sie eben Erzeugnis der Heimarbeit, also derjenigen Arbeitsart, durch die es bis vor kurzem (heute allerdings nicht mehr) dem Unternehmer möglich war, infolge weitgehender Ausbeutung schlechtbezahlter Arbeitskraft, am billigsten zu produzieren und zu verkaufen. Die zweite Ursache der großen Billigkeit der ausländischen Ware ist die, daß sie zu einem großen Teil Schundware ist. Früher war das fast ausnahmslos der Fall. Es war eben die Art Ware, mit der man unter der berüchtigten Devise: „Bon / pour 1'Orient" den ganzen Orient überschwemmte, ohne sich moralische Skrupel irgendwelcher Art zu machen. Es genügte, daß der äußere Aufputz da war, auf genauere Prüfung ließ sich ja der naive Orientale meist nicht ein. Allerdings haben sich die Verhältnisse, wenigstens was Palästina betrifft, in den letzten Jahren etwas gebessert. Aber noch immer nimmt die Schundware einen bedeutenden Platz im Import ein. Nun könnte man meinen, daß der Kampf mit der Schundware bei zunehmender kultureller Entwicklung des Landes nicht so schwer fallen dürfte. Dem ist aber nicht so. Erstens ist bei dem geringen Grad der Wohlhabenheit der Bevölkerung für den Einzelnen sehr oft der Anreiz gegeben, lieber billig und schlecht als teuer und gut zu kaufen. Zweitens aber, und dieser Grund dürfte wohl der wichtigere sein, ist das Erzeugnis des palästinensischen Handwerkers in vielen Fällen auch nicht viel besser als Schundware. Der Mangel einer entsprechenden gewerblichen Vorbereitung, an dem ja auch das jüdische Handwerk in der Galuth krankt, macht den Handwerker in Palästina doppelt wehrlos. Wo die Wahl zwischen billig-schlechter und teuer-schlechter Ware zu treffen ist, ist sie bekanntlich nicht schwer. Und das Erzeugnis des palästinensischen Handwerkers ist oft viel teurer, als das ausländische. Unterschiede von 50% sind keine Seltenheit. Und doch kann der palästinensische Handwerker in den Fällen, wo er Qualitätsware zu erzeugen vermag, trotz der großen Preisunterschiede die Konkurrenz des Auslandes bestehen. Allein solche Fälle sind selten. Die Ergebnisse einer derartigen Entwicklung sind kurz zusammengefaßt folgende: mit Ausnahme einiger Berufe, die unter der Konkurrenz des Auslandes gar nicht oder wenig zu leiden haben (Baumeister, Tischler, Schmiede, Uhrmacher) erstickt das Handwerk im Lande unter dem Druck der ausländischen Konkurrenz. Besonders schwer ist die Lage im Bekleidungsgewerbe (Schneider, Schuster, Kürschner), aber auch die anderen Gewerbe (Klempner, Bäcker, Sattler) haben einen schweren Kampf zu führen, einen Kampf, in dem sie bisher fast keine Bundesgenossen fanden. Wie sieht dieser Kampf aus? Von den zwei bedeutendsten Mitteln, die ihm die Abwehr gegen die ausländische Konkurrenz ermöglichen würden: der gewerb-