Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Das palästinensische Handwerk
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 250 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101194-3107918--6017-3107989- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
250 Umschau: Kolonisation heute erschreckend große Elend der arabischen Bauernmassen nach Durchführung der äußerst notwendigen Reform der Bodenbesitz- und BeWirtschaftsordnung einer besseren materiellen Lage Platz machen wird. Anders war die, Entwicklung bei dem auf europäische Weise arbeitenden Handwerk, das im Gegensatz zu dem einheimischen Handwerk, in dem fast nur Araber tätig sind, von Anfang an die Domäne der Juden war. Noch in den 90 er Jahren wurde zur Begründung der Notwendigkeit, ein christliches Gewerbeförderungsinstitut in Jerusalem zu gründen, angeführt, daß man auf diese Weise das Handwerk, das fast ausschließlich in den Händen der Juden sei, in christliche Hände überzuführen hoffe. Heute ist allerdings auch die Zahl der mohammedanischen und christlichen Handwerker ziemlich groß. Aber noch immer ist der Anteil der Juden überwiegend. Nach einer im Jahre 1919 durch das Palästinaamt in Jaffa durchgeführten Statistik der Handwerker in Palästina ergaben sich folgende Zahlen: Schuhmacher gab es in Jerusalem 252, hiervon 157 Juden, 49 Mohammedaner und 46 Christen; in Jaffa gab es 38, in Tiberias 31 jüdische Schuster, in Haifa gab es 56 Schuster, darunter 20 Juden. Schneider gab es in Jaffa 59, hiervon 34 Juden, 15 Mohammedaner und 10 Christen; in Tiberias 9, alle Juden; in Jerusalem 87, hiervon 75 Juden, 12 Christen, keine Mohammedaner; in Haifa 19, darunter 9 Juden. Tischler gab es in Jaffa 28, hiervon 16 Juden, 4 Mohammedaner und 8 Christen; in Tiberias 9, hiervon 8 Juden, 1 Christ; in Jerusalem 54, hiervon 34 Juden, 18 Christen, 2 Mohammedaner; inHaifa 45, hiervon 18 Juden. Baumeister gab es in Jaffa 36, hiervon 27 Juden, 6 Mohammedaner, 3 Christen; in Jerusalem 39, darunter 7 Juden; Schmiede gab es in Jaffa 17, hiervon 6 Juden, 8 Mohammedaner, 3 Christen; in Haifa 44, darunter 18 Juden. Die weiteren Zahlen sind nur für Jaffa angegeben. Maler gab es dort 11, hiervon 3 Juden, 8 Mohammedaner; Kürschner 6j alle Juden; B ä c k e r 73, 30 Juden; Sattle r 6, ein Jude; Uhrmacher 25, alle Juden; Tapezierer und Polsterer 4, alle Juden; Goldschmiede 13, darunter 6 Juden. Das Zahlenverhältnis hat sich seit jener Zeit wohl noch zugunsten der Juden gebessert — infolge der Einwanderung zahlreicher jüdischer Handwerker in den letzten drei Jahren, indes die Zahl der mohammedanischen und christlichen Handwerker sich kaum wesentlich vergrößert haben dürfte. Aber auch dieses auf europäische Art und Weise arbeitende Handwerk hat in Palästina von Anfang an keinen leichten Stand gehabt. In den ersten Jahrzehnten seiner Entwicklung stand ihm, ebenso v/ie dem arabischen Handwerk, die große Bedürfnislosigkeit der Bevölkerung, in diesem Falle der jüdischen, entgegen. Noch im Jahre 1882 mußte Luncz der Jerusalemer jüdischen Bevölkerung vorhalten, daß ohne Arbeitsteilung kein normales nationales Gemeinwesen bestehen könne, daß man sich daran gewöhnen müsse, die Kleider beim Schneider, die Schuhe beim Schuster, das Brot beim Bäcker machen zu lassen, da sonst der Handwerker nicht existieren könne. Allerdings ging er so weit zu verlangen, daß man die Erzeugnisse nicht beim Handwerker selbst, sondern beim Händler kaufen solle, da ja auch dieser leben müsse, eine sehr naive, die offenkundige Unproduktivität des Kleinhändlerberufes gar nicht bemerkende Anschauung. Ganz anders gestaltete sich die Entwicklung aber in den letzten Jahrzehnten. Während das arabische Handwerk, infolge des Vordringens europäischer Bedürfnisse, den ohnehin nicht allzu festen Boden unter den Füßen zu verlieren begann, entstand dem auf europäische Weise arbeitenden Handwerker ein ganz anderer Feind, der viel schlimmer war als die Bedürfnislosigkeit der Bevölkerung. Es war dies die Überflutung des palästinensischen Marktes durch die billige (meist Schund-) Ware der europäischen Industrie. Bereits 1880 sind durch Jaffa allein Manufakturen im Werte von 1 540 000 Fr. hereingekommen, 1907 war diese Ziffer bereits auf 5 353 000 Fr., 1913 auf 9 816 000 Fr. gestiegen. 1919—1920 verzeichnete die amtliche Außenhandelsstatistik folgende Importziffern: Baumwollfabrikate im Werte von 1 006 288 £, Kleider im Werte von 125 171 £ und Eisen- und Stahlwaren im Werte von 112 401 £. 1920—21 waren die betreffenden Zahlen 679 000 bezw. 159 018, bezw. 162 120 £. Dies sind Angaben für spezielle Gruppen, die durch ihre Größe in die Augen fallen. Daß in demjenigen Teil des Imports, der in den Statistiken nicht spezifiziert und als „Sonstige Einfuhrartikel" bezeichnet wird, auch zu einem bedeutenden (wenn nicht geradezu überwiegenden) Teil Erzeugnisse enthalten sind, die sonst vom Hand-