Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Das palästinensische Handwerk
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 249 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Kolonisation 249 die jedweder Kampf aussichtslos ist. Es ist der schwere, den gewerblichen Mittelstand zermalmende Schritt des Zeitalters des Dampfes und der Elektrizität, wie er wiederhplt (insbesondere meisterhaft bei Sombart: „Der moderne Kapitalismus") dargestellt worden ist und auf dessen Schilderung daher an dieser Stelle verzichtet werden kann. Schauen wir uns nun unter diesem Gesichtspunkt die Verhältnisse in Palästina an. Was uns zunächst stutzig macht, ist, daß die Hauptursache des Niederganges des europäischen Handwerks in Palästina gar nicht vorhanden ist. Von einem gewerblichen Großbetrieb ist dort bis zum heutigen Tage nicht viel zu sehen. So müssen denn die Ursachen des schweren Kampfes des palästinensischen Handwerkers irgendwo anders liegen, und es bleibt noch zu untei suchen, ob sie ebenso elementarer und unabwendbarer Art sind, wie diejenigen, die dem europäischen Handwerk den Untergang diktieren. Wenn man vom palästinensischen Handwerk spricht, so muß man sich darüber klar sein, daß der Begriff kein eindeutiger ist. Es gibt in Palästina zwei Arten des Handwerks, die sowohl ihrem Grundcharakter nach, als auch was ihre Entwicklungsmöglichkeiten betrifft, verschieden sind. Das eine ist das einheimische, für die autochthone arabische Bevölkerung arbeitende, das andere das moderne Handwerk, das in der Hauptsache nach europäischem Muster für die aus Europa Eingewanderten produziert. Diese Scheidung laßt sich mit ganz geringen Ausnahmen (etwa 2. B. der Wagner, die es vor Beginn der europäischen Kolonisation in Palästina gar nicht gab) in jedem Zweig des Handwerks durchführen. Sie ist für unsere Frage von großer Bedeutung. Denn wenngleich beide Arten heute schwer um ihre Existenz zu kämpfen haben, so sind doch die Ursachen dieses Kampfes auf beiden Seiten verschieden. Das einheimische Handwerk hatte von jeher einen schweren Stand. Es hatte einerseits mit der großen Bedürfnislosigkeit der überwiegenden Mehrheit der arabischen Bevölkerung zu kämpfen, die teils eine Folge der Armut, teils des niedrigen Kulturstandes ist. Der arabische Bauer (und der weitaus überwiegende Teil der arabischen Bevölkerung setzt sich bis zum heutigen Tage aus Bauern zusammen) näht sich in den meisten Fällen selber sein Kleid und seine Schuhe, bäckt sich sein Brot, baut sich oft selber sein Haus und verfertigt sich die wenigen Einrichtungsstücke. Für den Handwerker bleibt da (mit verschwindenden Ausnahmen, etwa der Schmiede, die in jedem größeren arabischen Dorfe zu finden sind) blutwenig zu tun. So war denn sein Hauptabsatzgebiet von jeher die Stadt, und auch dort wurde die wenige Arbeit oft zu Hause ausgeführt, ohne daß die Tätigkeit des Handwerkers beansprucht werden mußte. Andererseits hatte der Handwerker, selbst auf diesem engen Gebiet, mit der Konkurrenz des Auslandes zu kämpfen. So überschwemmte Damaskus von jeher Syrien und Palästina mit seinen, infolge rücksichtsloser Ausbeutung der Kinderarbeit, spottbilligen Handwerksprodukten (insbesondere Schuhen^ Unter solchen Umständen .war der Lohn, den sich der arabische Handwerker erarbeitete, von jeher äußerst kärglich. Die Angaben, die wir darüber aus dem 19. Jahrhundert haben, zeugen von einem fast unglaublich niedrigen Lebensniveau. Nach Chateaubriand, dfer Palästina im Jahre 1817 bereiste, verdiente damals ein Handwerker 2 türkische Piaster täglich (1 Piaster gleich ungefähr 20 Pfennig Friedenswährung). Noch im Jahre 1873, wo die Teuerung schon bedeutend gestiegen war, betrug nach einem Bericht Zwiedineks von Südenhorst der tägliche Verdienst eines Handwerkers kaum 10—12 türkische Piaster. Nicht viel anders lautet die Angabe Lunczs in seinem „Jerusalem für das Jahr 1882". Er gibt als Wochenverdienst eines Handwerkers die Summe von 50 Piastern an. Der Lohn wird wohl heute nicht bedeutend höher sein. Aber selbst diese schwache Position ist nicht zu halten. Denn mit dem fortschreitenden Eindringen europäischer Gewohnheiten ins Land wächst auch die Tendenz der wohlhabenderen Schichten der arabischen Bevölkerung, sich der europäischen Handwerkerarbeit zu bedienen. Man beginnt sich europäisch zu kleiden, geht immer mehr dazu über europäisch -zu wohnen und auch sonstige Bedürfnisse, die bisher durch den einheimischen Handwerker befriedigt zu werden pflegten, durch den modernen Handwerker befriedigen zu lassen. Dieser Entwicklungsprozeß, so widerlich er auch in seinen meisten Zügen anmutet, ist naturnotwendig, und daher jeder Kampf gegen ihn aussichtslos. So verliert denn das alte Handwerk immer mehr an Boden. Seine Tage dürften, was die Stadt betrifft, wohl gezählt sein. Ob es sich auf dem Lande wird länger halten können, hängt davon ab, ob das