Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Ergebnisse der zweiten Konferenz der palästinensischen Arbeiterschaft in Tel Awiw
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 247 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101194-3107917--6012-3107986- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
\ Umschau: Arbeiterbewegung in Palästina 247 besonderes Interesse erregen, obwohl sie praktische Wichtigkeit kaum besitzen, in der Frage des „ Klassenkampfes*', wurde eine Formel gefunden, die schließlich dem Hapoel Hazair genügte. Man kann zweifelhaft sein, ob derartige Kompromisse die Stellung der Histadruth sehr stärken. Diese Frage wird wohl auf allen Konferenzen wieder von neuem auftauchen. - Gerade theoretische Entscheidungen pflegen ja regelmäßig mit besonderer Hartnäckigkeit ausgetragen zu werden. Übrigens hat der Begriff der „Arbeiterklasse", wenn auch nicht der des- Klassenkampfes, doch seinen Platz im Programm gefunden. In der Programmdebatte wurde auch die Frage des Eintritts in die Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale zur Entscheidung gebracht. Über 60% der Delegierten waren für den Eintritt, nur 3 Stimmen dagegen; Hapoel hazair enthielt sich der Stimme. Diese Taktik war für die Haltung des Hap. haz. auf der Konferenz überhaupt bezeichnend, der positiv, als treibender Faktor nur eine geringe Rolle gespielt hat. — Die Tragweite des Beschlusses wird nicht unmittelbar fühlbar sein; vorläufig wird sie der jüdischen Arbeiterschaft Anlehnung an 90% der organisierten Arbeiter verschaffen und die Gedanken des arbeitenden jüdischen Palästina in Kreisen verbreiten helfen, deren Bedeutung für das internationale Völkerleben gerade in den nächsten Jahren der steigenden Einheit der Arbeiterschaft größer werden kann, als er es unzweifelhaft im Augenblick ist. Der Zusammenhang mit den großen internationalen Gemeinschaften ist für das kleine Palästina eine Lebensnotwendigkeit, und schon heute ist der Briefverkehr mit dem „Internationalen' Gewerkschaftsbund" sehr lebhaft. Die Frage „Moskau" ist ernsthaft nicht gestellt worden, da sie im Augenblick weder eine, praktische Bedeutung besitzt noch irgendwie eine Gemeinsamkeit zwischen den Zielen der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina und denen des jüdischen Kommissariats in Moskau erblickt werden kann. Neben der Lösung dieser zentralen Fragen wurden eine ganze Reihe Beschlüsse gefaßt, über die eine Diskussion im allgemeinen nicht stattfand, so in bezug auf Verstärkung der produktiven, d. h. produktionsfordernden Tätigkeit des „Maschbir"; als dringende Notwendigkeit gilt die Gründung von Arbeitervierteln in den Städten (die in Haifa und Jerusalem bereits in Vorbereitung sind), mit der Möglichkeit, landwirtschaftliche Arbeit mit der städtischen zu verbinden. Es wurden organisatorische Möglichkeiten gefunden, um mutwillige und absichtliche Störungen der Arbeit der Histadruth durch Ausschluß aus der Organisation zu unterbinden. Zu erwähnen bleiben ferner: der Beschluß, eine Tageszeitung vorzubereiten, die Arbeitslosenversicherung auch ohne Beteiligung der Regierung in der Histadruth selbst in Angriff zu nehmen, die statistische Abteilung auszubauen u. a. m. Mehr formelle Bedeutung hat der Protest der Histadruth gegen die hohen Gehälter, die auch in den nationalen Institutionen bezahlt werden und die dem ökonomischen Zustand des Landes in keiner Weise angepaßt sind. Die Konferenz hat ferner Pläne für die zu schaffende Arbeiterunfallversicherung ausgearbeitet. Eine Reihe wichtiger anderer Aufgaben, so die Lösung des Problems der „Haschwaath hamechirim", der Ausgleichung der Löhne und Arbeitsbedingungen, wurde dem auf der Konferenz gewählten, aus 31 Chawerim bestehenden „Allgemeinen Ausschuß", der alle 2 Monate zusammentritt, überwiesen. Die 2 Tage nach dieser Tagung zusammentretende Konferenz der Bauarbeiter brachte wichtige Änderungen in der Technik der Übertragung der Arbeit und der Festsetzung der Löhne, auf die an dieser Stelle nicht eingegangen werden soll. Überblickt man den Verlauf und die Ergebnisse der Konferenz, so ist zunächst die außerordentliche Anteilnahme der Arbeiterschaft selbst festzustellen als ein Zeichen dafür, wie sehr man sich der ungeheuren wirtschaftlichen und sozialen Bedeutung der Histadruth bewußt ist. Die Konferenz hat die Wegrichtung, die die Arbeiterschaft seit 15 Jahren geht, von neuem bestätigt; man konnte über die kleinen, widerstrebenden Gruppen schließlich in den Beschlüssen zur Tagesarbeit übergehen.' Der Gegensatz zwischen Achduth hawodah und Hapoel hazair erwies sich niemals als stark genug, um die Histadruth ernstlich zu gefährden, jedoch immer als stark genug, um beide Teile zu Kompromissen zu zwingen. Die Konferenz kann, wenn es gelingt, den Inhalt, den die Beschlüsse enthalten, voll auszuschöpfen, von großer Bedeutung werden, weil man in allen Beratungen jederzeit unter dem Eindruck der unerhört schweren Situation und der Verantwortung, die auf der Arbeiterschaft Palästinas liegt, arbeitete. Die Arbeiterschaft kann sich in Erez Israel der Aufgabe,